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Von 0 auf 100 in 1,2 Sekunden

Renndrohnen-Vizeweltmeister flog über die S21 Baustelle

Stuttgart, 03.08.2018

Angelo Felchle steuert eine Renndrohne. Damit hat es der 33-Jährige aus Böblingen weit gebracht: Vizeweltmeister der „Drone Champions League“ – eine Art Formel 1 für Renndrohnenflug. Für das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm ist er über die Baustelle am künftigen Hauptbahnhof geflogen.

Im Interview verrät Felchle, wie er nach einer Rettungsaktion zum YouTube-Star wurde, wie man eine Drohne steuert, die für das menschliche Auge zu schnell ist und wo Drohnenpiloten wie Rockstars gefeiert werden.

Herr Felchle, Sie haben Ihre Drohne schon in aller Welt fliegen lassen. War die S21-Baustelle etwas Besonderes?
Es war überwältigend. Es ehrt mich, dass ich der Erste war, der mit einer so schnellen Drohne Kunstflüge unter der ehemaligen Bahndirektion hindurch, hinunter in die Baugruben und hoch entlang der Baukräne fliegen durfte.

In dem Video fliegt Ihre Drohne so schnell, dass einem schwindelig wird. Läuft der Film im Zeitraffer?
Nein, ich bin wirklich so schnell geflogen. Wenn ich Wettkämpfe fliege, erreicht meine Renndrohne sogar Geschwindigkeiten zwischen 130 und 160 Kilometer pro Stunde. Das entspricht einer Beschleunigung von 0 auf 100 in 1,2 Sekunden. Bei diesem Tempo sieht man die Drohne kaum noch am Himmel. Um sie steuern zu können, trage ich eine Virtual-Reality-Brille. Das ist eine Spezialbrille mit einem eingebauten Bildschirm, mit der man das Gefühl hat, selbst in der Drohne zu sitzen. Den Flug über die Baustelle würde ich sehr gerne wiederholen! Ich freue mich auf den zukünftigen Hauptbahnhof. Die Architektur begeistert mich.

Das können wir sicher veranlassen. Wie kamen Sie eigentlich dazu, Drohnen zu fliegen?
Ich fliege seit meinem achten Lebensjahr Modellflugzeuge. Technik fand ich schon immer spannend. Während meines Studiums zum Webentwickler habe ich nebenberuflich für eine Filmproduktionsfirma gearbeitet und bekam den Auftrag, eine Kamera auf eine Drohne zu binden. Meine Luftaufnahmen waren offenbar gut, sodass ich weitere Aufträge bekam, etwa für Hochzeiten und Musikvideos. Ich habe recherchiert, eigene Modelle gekauft, mir eine VR-Brille zugelegt und die Drohnen auch in meiner Freizeit ausprobiert. Heute habe ich 15 Drohnen, manche sind Spielzeug, andere Drohnen für Wettrennen. Besonders viel Spaß macht es, die Flüge zu filmen und mit anderen zu teilen. Meine ersten Flugversuche habe ich 2013 auf meinem YouTube-Kanal ins Netz gestellt.

Und Ihr YouTube-Kanal ist ein Renner. Ihr Video von der Rettung einer anderen Drohne aus einem Turm wurde fast 160.000 angeschaut. Wissen Ihre Fans, wer hinter dem Künstlernamen „Angelo Samuel“ steckt?

Das wissen nur meine Freunde. Mein YouTube-Kanal wurde bekannt, nachdem die „Stuttgarter Zeitung“ über dieses Video berichtet hatte. Auf einmal wollten auch andere Medien ein Interview, wie „Spiegel Online“ oder die „BILD“. Anders als in Deutschland werden Drohnen in den USA schon seit Jahren regelrecht gehypt und Renndrohnenpiloten sogar auf der Straße erkannt. Das ist mir bis jetzt nur bei Rennen passiert (lacht). Aber ich sehe, die Drohnen werden immer beliebter. Es entwickelt sich langsam ein Flugsport. Ich wünsche mir, dass Drohnenwettkämpfe ähnlich bekannt werden, wie zum Beispiel Formel 1 oder Motocross-Rennen. Es ist ein Sport für jedes Alter, jeden Geldbeutel und die Community wächst rasant.

Sie haben es vom Hobbypiloten zum Vizeweltmeister geschafft. Wie kam es dazu?

Bei meinem ersten Rennen über die längste Hängebrücke Europas in Reutte (Österreich) war ich so schnell, dass ich von Sposoren und einem Team angeworben wurde. Letztes Jahr bin ich zum ersten Mal im Team beim „Drone Festival Paris“ geflogen und habe gleich gewonnen. Es war ein tolles Gefühl, vor 180.000 Zuschauern am Straßenrand über die Champs-Élysées zu fliegen. Nach weiteren Rennen der „Drone Champions League“ sind wir in der Gesamtwertung Vizeweltmeister geworden.

Können Sie von den Einnahmen der Sponsoren und Preisgelder leben?
Hauptberuflich noch nicht. Die Preisgelder der „Drone Champions League“ liegen zwar im fünfstelligen Bereich, aber man muss den Betrag mit seinen Teamkollegen teilen und bei jedem Flug geht irgendwas kaputt. Das geht sehr ins Geld. Bei Rennen treten immer zwei Drohnenpiloten aus zwei verschiedenen Teams gegeneinander an und fliegen dieselbe Strecke auf Zeit. In der Endrunde fliegen dann alle vier Piloten beider Teams gegeneinander. Da prallen schon mal Drohnen gegeneinander und Teile reißen ab. Deshalb steht in den Wettkampfregeln auch, dass jeder Rennpilot mindestens fünf Drohnen dabei haben muss, um bis zur Endrunde mitfliegen zu können.

Über S21 sind Sie jetzt geflogen. Was reizt Sie als nächstes?

Jetzt geht’s nach Peking. Dort findet das nächste DCL-Rennen der Saison statt, der „Grand Prix Great Wall“, wo wir unsere Drohnen die chinesische Mauer entlang jagen. Für mein Team und mich wünsche ich mir natürlich, dass wir auch beim nächsten Rennen siegen. Nach dem Erfolg vom letzten Jahr sind wir noch ehrgeiziger und möchten den Weltmeistertitel holen.

Wir drücken Ihnen dafür die Daumen und bedanken uns für das Interview!

(1) Von 0 auf 100 in 1,2 Sekunden - auf der Stuttgart 21 Baustelle | 03.08.2018

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