Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht -Interview-

"Als Ingenieur bin ich fasziniert und als Bürger überzeugt vom neuen Bahnknoten in Stuttgart."

Ein Interview mit dem Tunnelbauer aus der Ortenau

Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)
Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)

Als Sie kürzlich das 35-jährige Bestehen ihres Unternehmens gefeiert haben, lautete der Slogan: „Denke positiv“. Fällt Ihnen das leicht angesichts der Situation in der baden-württembergischen Landeshauptstadt?
Wie meinen Sie das?

Die millionenschwere Herrenknecht-Maschine, die ein Jahr lang gebaut wurde, um den Fildertunnel im Zuge von Stuttgart 21 zu graben, ist fertig. Jetzt muss sie für Monate eingelagert werden, weil bei den Genehmigungsverfahren Sand im Getriebe ist?
Das ist in der Tat ein Ärgernis. Unsere Maschinen kommen überall auf der Welt zum Einsatz. Normalerweise werden sie auf den Baustellen sehnlich erwartet. In Stuttgart ist es umgekehrt. Die Maschine ist fertig, aber die Baustelle lässt auf sich warten. Dass das gerade in meinem Heimatland so ist, gibt mir zu denken.

Was läuft in Shanghai anders als in Stuttgart?
Ein Chinese hat mir mal gesagt: wenn du ein lebendes Museum anschauen willst, dann fahr nach Deutschland. Das ist zwar überspitzt gesagt, aber manchmal denke ich bei unseren langen Planungs- und Genehmigungsphasen, dass der Mann gar nicht so unrecht hat. Es geht bei uns oft viel zu langsam mit dem Fortschritt.

Von dem Sie natürlich als Unternehmer profitieren…
…das stimmt. Dessen ungeachtet bin ich als Ingenieur fasziniert und als Bürger dieses Landes überzeugt vom neuen Bahnknoten in Stuttgart. Kopfbahnhöfe waren vor 100 Jahren gut. Heute ist Zeit Geld. Und deshalb braucht es effizienter Durchgangsbahnhöfe, die in europäische Hochgeschwindigkeitsstrecken eingebunden sind. Die Chinesen machen uns an vielen Orten vor, wie Zukunft geht. Da ist die Planungszeit weitaus kürzer.

In Stuttgart sind nicht alle von diesem Projekt so begeistert wie Sie.
Bei diesem Projekt ist in der Kommunikation anfangs manches schief gelaufen. Jetzt ist es zum Glück wieder auf der Spur. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, als glaubten manche Kritiker in Stuttgart, dieses Bauwerk sei das komplizierteste auf der Welt.

Ist es das nicht?
Unsere Maschinen haben in Summe rund um den Globus 580 Tunnelprojekte mit mehr als 1900 aufgefahrenen Tunnelkilometern bewältigt. Wir haben uns in Kuala Lumpur durch schwierigsten Untergrund gearbeitet, sind in Shanghai unter dem Jangze durch. Wir haben den Gotthard-Basistunnel, der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt, erfolgreich gegraben, mit 2500 Metern Gestein über uns. Auch ohne Probleme. Das sind durchaus weit größere Herausforderungen.

In Stuttgart sind die Herausforderungen anderer Natur?
Das kann man so sagen. Ich halte nichts von Angstmacherei. Verzagtheit und Schwarzmalerei sind keine brauchbaren Zukunftsrezepte. Stuttgart wird durch den Fildertunnel keinen Schaden nehmen. Im Gegenteil: Wir wollen als Unternehmen gerade zu Hause zeigen, wie weit wir technologisch sind. Schon deshalb sind wir bei diesem Projekt höchtsensibel und setzen unsererseits alles daran, dass es glatt läuft. Das können Sie mir glauben.

www.herrenknecht.de

Stand: November 2012

 

zum Porträt. Den der Berg ruft: Martin Herrenknecht (Juli 2016 - Bezug 17)