Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht

Von Schwanau bis Shanghai

Porträt

Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)
Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)

Martin Herrenknecht hat viele Hüte auf. Familienvater ist er, Mäzen, Ingenieur und vor allem Unternehmer. Porträt eines Mannes, dessen Tunnelbohrmaschinen die Welt verändern – auch in Stuttgart.

Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)
Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)

Manchmal müssen Geschichten mit einem donnernden Schlag beginnen, ähnlich wie bei Sprengungen im Tunnel, wobei es jener, dem dieses Stück gewidmet ist, weniger mit Sprengstoff als mit Hightechmaschinen hat, wenn es darum geht, Löcher in einen Berg zu graben. Wie sind wir jetzt ins Plaudern gekommen? Ach ja: Donnerschlag. Ein solcher kann einen ereilen, wenn man dem kompakten Patron unvermittelt irgendwo begegnet. Plötzlich und unerwartet taucht er aus der Menge auf und – krawumm – donnert eine kräftige Hand auf das Rückgrat, dass einem für eine Sekunde die Luft wegbleibt. So und ähnlich pflegt der Unternehmer Martin Herrenknecht seine Mitmenschen zu begrüßen, wenn er sich über ein Wiedersehen freut. Einen Chiropraktiker zur Lösung von Blockaden braucht man danach fürs Erste jedenfalls nicht mehr.

Martin Herrenknecht ist, wie beschrieben, der Typ, der in seinem Besprechungsraum auch selbst zur Kaffeekanne greift und sämtliche Tassen um ihn herum füllt. Gut gefüllt ist obendrein sein Anekdotenarchiv, also steht einer amüsanten Sprechstunde nichts entgegen, wobei dazu gewiss auch der Umstand beiträgt, dass er nicht lange um den heißen Brei herumredet, was ihm schon manche Schlagzeile der unerfreulicheren Art eingebracht hat. Dergleichen kümmert ihn nicht. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, oder um es auf sein Metier herunterzubrechen: Wenn man durch den Fels will, muss man gelegentlich schon mal durch die Wand. In beiden Fällen werden dazu Köpfe gebraucht – und seiner ist durchaus mit dem Prädikat „hart wie Granit“ zu versehen.

Wo also soll man beginnen, wenn man diesen Unternehmer im besten Wortsinn in seinem 74. Frühling beschreiben will? Vielleicht am Besten im Kleinen, dort, wo jeder gleich ist, also beispielsweise im Schwimmbad. Es begab sich 1980 auf einer Dienstreise in Miami. Im wohltemperierten Nass planschte eine hübsche Kolumbianerin, bei welcher der damals noch mit mehr Haupthaar gesegnete Ingenieur aus Deutschland einen bleibenden Eindruck hinterließ. Beherzt sprang er in den Pool und teilte der verdutzten Dame mit, dass von jetzt an keine Gefahr mehr bestünde. Er sei nämlich von Haus aus Bademeister, was zwar nicht ganz stimmte, aber immerhin seinen Zweck erfüllte. Zwei Jahre später hat sie ihn geheiratet, womit ein Wesenszug von Martin Herrenknecht hinlänglich beschrieben ist. Die Rede ist von einem fröhlichen Pragmatismus, der ihn bis heute ausmacht.

Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)
Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)

Dieser Pragmatismus hat ihn bereits als jungen Ingenieur gespeist und wahrscheinlich schon als Schulbub. Herrenknecht, Jahrgang 1942, studiert Maschinenbau an der Fachhochschule Konstanz, derweil sein älterer Bruder den Familienbetrieb übernimmt, eine Sattlerei in seinem Heimatort Allmannsweier. Als junger Ingenieur heuert Martin Herrenknecht in der Schweiz an, wo er 1971 zum Leiter des maschinentechnischen Dienstes der Großbaustelle Huttegg beim Bau des neun Kilometer langen Seelisbergtunnels mit der damals größten Tunnelbohrmaschine weltweit bestellt wird. „Das könnte ich besser machen“, mag er sich gedacht haben, was auch damit zu tun hat, dass die seinerzeit verwendete Maschine namens „Big John“ nicht nur ein Mal im Fels stecken bleibt. Angetrieben von unerschütterlicher Zuversicht macht er sich 1975 ans Werk – und mit einem Ingenieurbüro selbständig. Zwei Jahre später gründet er die Herrenknecht GmbH im naheliegenden Schwanau, wofür ihm seine Mutter ein Startkapital von 25.000 Mark pumpen muss, denn der Filius hat es in dieser Zeit nicht eben dicke.

Seine erste Maschine für den Untergrund hat einen Durchmesser von 1,20 Meter. Vier Jahre später erwirtschaftet Herrenknecht mit sechs Mitarbeitern die erste Umsatzmillion. Heute baut er über 400 Meter lange Bohrgiganten, hat mit seinem Konzern die maschinelle Tunnelvortriebstechnik revolutioniert und fährt einen Jahresumsatz von rund 1,2 Milliarden Euro ein. Weltweit beschäftigt die Herrenknecht AG mehr als 5.000 Mitarbeiter, 2.200 davon in Schwanau. Die Tüftler des Hauses konstruieren und bauen modernste Tunnelbohranlagen für alle Baugründe und in allen Durchmessern– die kleinste Maschine hat einen Durchmesser von zehn Zentimetern, die größte ist mehr als 19 Meter hoch. 95 Prozent des Umsatzes erzielt Herrenknecht mittlerweile im Ausland, wobei sich für ihn vor wenigen Wochen in der Schweiz, wo er sich einst sein Rüstzeug geholt hat, ein Kreis schloss. Beim Jahrhundertprojekt Gotthard-Basistunnel, mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel auf diesem Planeten, frästen sich gleich vier gigantische Vortriebsmaschinen mit seinem Logo durch den Berg. Mehr als 10,5 Millionen Kubikmeter Gestein wurden dabei abtransportiert. „Eine Schweizer Präzisionsarbeit“, bemerkte der stolze Firmengründer, als er dieser Tage mit reichlich Prominenz im ersten offiziellen Zug saß, welcher in der neuen Röhre unterwegs war.

Wo Herrenknecht auftaucht, bleibt kein Stein auf dem anderen. Das war so, das ist so und das soll möglichst noch lange so bleiben, wie er sagt. Im vorigen Jahr konnten die Herrenknecht’schen Riesenmaschinen mit dem erfolgreichen Durchbruch des Eurasia-Straßentunnels in Istanbul einen weiteren historischen Meilenstein verbuchen. Nie zuvor war ein so großer Tunnel unter derart extremen Bedingungen unter Wasser gebaut worden: Am tiefsten Punkt bei 106 Metern unter dem Bosporus musste der Tunnelbohrer mit 13,66 Metern Durchmesser einem Druck von bis zu 11 Bar sicher standhalten.

Natürlich wurde der Patron auf dieser Baustelle ebenso gesichtet wie bei den Scheichs. In Doha, oha, hat sich Herrenknecht nebenbei gleich im Guinessbuch verewigt. Für den stadtübergreifenden Neubau von vier Metrolinien, die im Rahmen eines gigantischen Infrastrukturplans bis 2022 fertiggestellt werden, hat die Firma insgesamt 21 Tunnelvortriebsmaschinen nach Katar geliefert. „Dieses Projekt ist eines der ambitioniertesten Vorhaben weltweit und es wurden bereits beeindruckende Vortriebsergebnisse erzielt“, sagt er. Dies treffe sowohl auf die vorgegebenen Bauzeiten als auch den erforderlichen operativen Fortschritt zu – in lediglich zweieinhalb Jahren werden 111 Kilometer neue Tunnel hergestellt.

Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)
Dr.-Ing. E. h. Martin Herrenknecht (Vorsitzender der Herrenknecht AG)

Straßen, Ölpipelines, Leitungen – alle XXXL-Projekte aufzuzählen, an denen Herrenknecht beteiligt war und ist, hieße Eulen nach Athen tragen. Rio, Abu Dhabi, London, Delhi, Atlanta, Petersburg, Shanghai – die Liste der Orte, an denen Herrenknechts Maschinen gefragt sind, Technik in die Tiefe geht, liest sich wie eine Karte der Weltmetropolen. Nicht schlecht für einen, der aus dem Nichts begonnen hat. Das Besondere an seiner Firma ist, dass sie trotz ihrer Ausmaße irgendwie immer noch sympathisch geblieben ist, was nicht zuletzt mit dem Chefzu tun hat, der sich fast noch kindlich freuen kann über neue Eisenbahntunnel. Da geht es ihm ganz ähnlich wie Horst Seehofer in seinem Keller vor der Modelleisenbahn.

Herrenknechts Modelle sind ein bisschen größer. Acht Tunnelbohrmaschinen des Konzerns waren unlängst beim Bau der Crossrail-Eisenbahnverbindung im Großraum London auf einer Länge von zwei Mal 21 Kilometern im Einsatz. Die Zwillingsröhren führen quer unter dem Stadtzentrum Londons hindurch, auch die Themse wird passiert. In Europa ist Herrenknecht außerdem am Ausbau der Metro in den Hauptstädten Paris, Moskau, Kopenhagen und Berlin beteiligt. In Deutschland gewann der Konzern im vergangenen Jahr den Auftrag zur Lieferung der Vortriebsmaschinen zum Bau des 4,3 Kilometer langen Rastatter Eisenbahntunnels, der das gesamte Stadtgebiet unterquert. Und dann ist da natürlich auch noch das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm. Am Boßlertunnel und am Fildertunnel und demnächst auch im Albvorland ist Herrenknecht mit insgesamt vier Maschinen präsent. Die Zukunft gehöre der Hochgeschwindigkeitsbahn, sagt er, und auch den Durchgangsbahnhöfen, und man könnte denken, dass einer wie er so etwas sagen muss, aber Martin Herrenknecht sagt seit je was er meint, egal, ob sie ihn dafür später in der Stuttgarter Lokalpostille grillen oder nicht.

Dieses Projekt in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist dem CDU-Mitglied, der die SPDler Schröder und Steinmeier unter seinen Vorbildern zu den Wichtigsten zählt, ziemlich wichtig. Auch wenn die Firma andernorts größere und schwierigere Projekte wuppt, liegt ihm Stuttgart besonders am Herzen. Geht es um technisch aufwändige Bohrungen in der Heimat, mag der global agierende Tunnelbohrmaschinen-Unternehmer eben nicht gerne in die Röhre schauen. An diesem Punkt ist er empfindlich. Das zupft an den Rezeptoren der Eitelkeit. In seinem Revier, da lässt Herrenknecht nicht gerne anderen den Vortritt. Das bekam auch schon der Gemeinderat im heimatlichen Schwanau-Allmansweier zu spüren, wo eine der Hauptstraßen nach „Dr. Martin Herrenknecht“ benannt ist. Als das Ratsgremium vor Jahren einer auswärtigen Firma den Zuschlag für einen Kanalbau auf technisch weniger anspruchsvolle Art gab, sah sich der Ehrenbürger genötigt, das Firmenplakat an seiner Fassade mit der Aufschrift „Tunnelvortriebsmaschinen aus Schwanau – weltweit im Einsatz“, durch rote Buchstaben weithin sichtbar um einen kleinen, aber feinen Zusatz zu ergänzen: „außer in Schwanau“.

In solchen Fällen kann der von Haus aus gutmütige Badener zum Furor werden, der mit donnernder Sprachgewalt jene geißelt, die nicht erkennen wollen, was Fortschritt bedeutet oder zumindest Fortkommen mit Hilfe von Tunnelvortriebstechnik made in Schwanau. Auch in der heißen Phase des Kampfes um Stuttgart 21 hat er sich lautstark eingebracht und sich zu der steilen These verstiegen: „Wer gegen dieses Projekt ist, der ist auch gegen mich.“ Dabei geht es zwischen Stuttgart und Ulm eigentlich weniger um Personen, als vielmehr um schnellere Züge. „Ich habe für dieses Projekt gekämpft, das für die Infrastruktur für dieses Land sehr wichtig ist“, sagt Herrenknecht diplomatisch. „Wer die beste Infrastruktur hat, wird am Ende die Nase vorne haben.“

Das Fluidum der Faszination Bauen hat bei dem knurrigen Maschinenbauingenieur nichts von seiner hochprozentigen Konzentration verloren. Und doch gibt es da im Flecken auch noch die von der klammen Landeskirche gestrichene Pfarrstellein Schwanau-Allmannsweier. Das macht er übrigens privat, nicht über die Firma.

Heimat ist ihm wichtig. War es immer. „Wenn ich von einer Dienstreise in Amerika nach Hause komme und dort eine Woche lang Weißbrot gegessen habe, dann freue ich mich aufs Schwarzbrot in Allmannsweier und auf Apfelmost und Speck“, sagt Herrenknecht. Die Leute der Gegend, die mag er. Den Metzger, den Schornsteinfeger und den Kneipenwirt im Anker und überhaupt die vermeintlich einfacheren Leut’, die es gar nicht sind, wenn man sich ihnen in der Tiefe widmet. Und Martin Herrenknecht ist ein Spezialist für Tiefe.

Auch im engeren Zirkel, wenn es um Freunde geht, ist er eher einer der Stillen, was sich etwa bei Lothar Späth offenbarte, der lange den Aufsichtsrat der Herrenknecht AG geführt hat. Als es dem früheren Ministerpräsidenten schlechter ging, als er dement wurde und gepflegt werden musste, vergaß ihn Herrenknecht nicht wie andere ihn vergessen hatten. Mit der Familie besuchte er Späth. „Für mich war er ein Vorbild“, sagt Herrenknecht mit brüchiger Stimme. „Wir haben genug Politiker, die arschglatt durch die Gegend laufen. Wir brauchen wieder mehr Typen wie Lothar Späth einer war, die klare Kante zeigen.“ Wer so über einen Freund redet, der schämt sich auch seiner Tränen nicht beim Abschied. Drei Männer haben bei der bewegenden Trauerfeier von Landesbischof Frank Otfried Julyin der Stuttgarter Stiftskirche gesprochen, als das Land Abschied nahm von Lothar Späth. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Günther Oettinger, ehemaliger CDU-Ministerpräsident, seit 2010 EU-Kommissar, und eben Martin Herrenknecht. „Mir ging das unwahrscheinlich nah“, sagt Herrenknecht. „Ich habe einen sehr guten Freund verloren.“

Ans Aufhören denkt er selbst noch längst nicht. Sein jüngster Sohn Martin-Devid hat Maschinenbau studiert, arbeitet neuerdings in der Firma mit und gehört auch dem Familienstiftungsrat an. Ein Nachfolger wäre also in Sicht. Aber der Senior ist noch nicht reif für die Insel. „Ich weiß selbst nicht, wo diese Energie herkommt“, sagt Martin Herrenknecht. „Aber was sollte ich auch sonst machen? Zu Hause bleiben? Kochen kann ich nicht. Putzen möchte ich nicht. Da gehe ich lieber in die Firma.“

Also fliegt er weiter um die halbe Welt und fährt Tausende von Kilometern durchs Land. Besonders freut er sich, wenn er zwischen Ulm und Stuttgart unterwegs ist und sein Blick auf die Berge von Gestein fällt, die seine Maschinen aus dem Bergtransportiert haben. „Da schlägt mein Herz höher“, sagt er. Folgerichtig will er selbstverständlich wie neulich auch in der Schweiz am neuen Gotthard-Basistunnel in einigen Jahren in Stuttgart im ersten Zug sitzen, der vom neuen Durchgangsbahnhof nach Ulm fährt. Wobei er sich eine kleine Spitze nicht verkneifen mag. „Die wenigen Projektkritiker, die jetzt noch dagegen sind“, frotzelt Herrenknecht, „die werden bei der Einweihung im ersten Zug hocken und wahrscheinlich leise zu ihren Nebensitzern sagen, dass sie schon immer von dem Projekt überzeugt waren.

Juli 2016 - Bezug Ausgabe 17

 

zum Interview vom November 2012