Gerhard Rotermund

Projektleiter im Tiefbauamt: ein Job mit vielen Facetten

Foto: Turmforum
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  • Jahrgang 1953
  • seit 1981 bei der Stadt Stuttgart im Tiefbauamt beschäftigt
  • seit 1996 am Projekt Stuttgart 21 beteiligt









Stand: März 2009


Herr Rotermund, was bedeutet es, Projektleiter für das Jahrhundertprojekt Stuttgart 21 zu sein?
Zu meinen Aufgaben gehört es, Prozesse innerhalb der Stadtverwaltung abzustimmen und Informationen zu verteilen. Vor allen Dingen ist es wichtig zu entscheiden, wer an den laufenden Planungen innerhalb der Stadtverwaltung und der Ämter einzubinden ist, um zu einer klaren abgestimmten Meinung zu kommen. Diese städtischen Belange sind dann in die Abstimmungsprozesse mit der Bahn einzubringen. Teil meiner täglichen Arbeit ist auch, die vielfältigen Belange und die laufenden Planungen der Stadt mit dem Bahnprojekt in Einklang zu bringen.


Sie tragen viel Verantwortung. Wie wird man eigentlich Projektleiter für so ein großes Projekt?
Nach meinem Bauingenieurstudium mit Schwerpunkt Verkehrswesen kam ich 1981 zum Tiefbauamt, zunächst in der Abteilung »Straßen und Verkehr«. Dann wechselte ich in die Abteilung »Stadtbahn und Tunnelbau«, war dort zuständig für die Projektplanung insbesondere der Tunnelbauten für die SSB. 1996 übernahm ich dann auch Aufgaben für das Projekt Stuttgart 21 und bin so in die Funktion des Projektleiters hineingewachsen.


Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?
Natürlich die Vielfalt der Themen. Es sind nicht nur bauingenieurspezifische Themen, also wie plane und baue ich ein Bauwerk. Eine Vielzahl von Fachgebieten – von Themen des Immissionsschutzes bis zu juristischen Fragen –  müssen mitbedacht und gelöst werden. Wo sind die Bürger von den Bauarbeiten betroffen, wie lässt sich trotz umfangreicher Bauarbeiten eine reibungslose Verkehrsabwicklung garantieren. Diese Dinge so zu gestalten, dass am Ende alles reibungslos funktioniert, das ist die Herausforderung, die meine Aufgabe spannend macht.


Das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm ist viel kritisiert worden. Wie stehen Sie persönlich dazu?

Ich sehe das Bahnprojekt als eine große Chance für die Stadt Stuttgart. Zum einen gibt es Vorteile für den Verkehr: die Anbindung an ein großes Verkehrsnetz mit europäischen Dimensionen und die Verbesserung des regionalen Verkehrs. Zum anderen gibt es städtebauliche Vorteile. Das Zusammenwachsen bestehender Gebiete, wie dem Stuttgarter Osten über den Park zum Stuttgarter Norden. Die Bahnanlagen stellen in ihrer heutigen Form eine städtebauliche Barriere dar, die man heute so sicherlich nicht mehr bauen würde. Mit Stuttgart 21 können die Stadtteile, die über 100 Jahre lang durch Bahnanlagen getrennt waren, endlich wieder zusammenwachsen.


Wo werden die Bürger die ersten Bauarbeiten erleben können?
Die ersten Bauarbeiten wird es um den Hauptbahnhof herum geben, insbesondere im Bereich der Stadtbahn. Denn die Tunnels und Haltestellen der Stadtbahn müssen teilweise verlegt werden, damit der neue Bahnhof gebaut werden kann. Das betrifft zum einen die Haltestelle Staatsgalerie. Hier muss der Stadtbahntunnel angehoben werden, damit der künftige Fernbahntunnel Platz hat. Unter der Heilbronner Straße ist es umgekehrt. Dort wird die Stadtbahn künftig unter dem Fernbahntunnel fahren. Auch der Nesenbach, der hier in einem unterirdischen Kanal verläuft, muss verlegt werden. Diese Aufgaben müssen erledigt sein, bis es voraussichtlich 2011 mit den Hauptumbauarbeiten losgehen kann.


Muss man die Innenstadt in den nächsten zehn Jahren meiden?
Natürlich werden Bürger und Besucher die Baustelle sehen, aber das wird für den einen oder anderen eher ein Hingucker sein, um zu sehen, was denn da Spannendes passiert. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass solche großen Bauvorhaben die Leute eher anziehen. Die Innenstadt, insbesondere die Königstraße, werden von den Baumaßnahmen aber nicht betroffen sein. Denn die Baustelle erstreckt sich in andere Richtungen.


Werden dann die Stuttgarter bald Ohrenstöpsel tragen müssen?
Auf keinen Fall. Sicherlich wird es im Umfeld der offenen Baustellenbereiche und der Anfangsbereiche der weitgehend unterirdischen Tunnelbaustellen zu gewissen Beeinträchtigungen kommen, aber Ohrenstöpsel werden nicht notwendig sein. So große Baumaßnahmen haben natürlich Auswirkungen und Beeinträchtigungen – das kann man nicht wegdiskutieren. Es gibt aber wesentliche Unterschiede zu dem Stadtbahn- und S-Bahn-Bau in den 70er Jahren. Die damaligen Tunnelbauten sind in riesigen, offenen Baugruben unmittelbar in bestehenden Straßen entstanden. Das wird es bei Stuttgart 21 überwiegend nicht geben, offene Baugruben sind  zum größten Teil außerhalb bestehender Straßen vorgesehen. Die Tunnels für Stuttgart 21 werden überwiegend bergmännisch, also unterirdisch gebaut. Im Übrigen sind alle mit dem Bau verbundenen Beeinträchtigungen durch klare Auflagen der Planfeststellungsbeschlüsse geregelt. Diese legen fest, wie die Belastungen der Anwohner möglichst gering gehalten werden.
Wir haben bereits große Baumaßnahmen verwirklicht, die im Vorfeld gerade bei Anliegern Bedenken hervorgerufen haben. Die Nöte und Sorgen der Bürger werden wir ernst nehmen und darauf eingehen.


Wird es angesichts der Großbaustelle künftig Dauerstau rund um den Bahnhof geben?
Weil die B14 und die B10/27, Heilbronner Straße schon heute zu gewissen Tageszeiten überlastet sind, darf Stuttgart 21 den Straßenraum nicht weiter belasten. Deshalb bleibt die Anzahl der Fahrspuren in offenen Baubereichen, z.B. auf der Heilbronner Straße während der gesamten Bauzeit erhalten. In den Umstellungsphasen, wenn Fahrbahnen für eine andere Verkehrsführung verlegt werden müssen, kann es schon einmal Behinderungen geben. Natürlich macht man das dann in verkehrsschwachen Zeiten oder gar nachts oder am Wochenende, wenn nicht so viel Verkehr ist.


Wo so viel Schutt und Baumaterial transportiert wird, müssen viele Baufahrzeuge fahren. Belasten die die Straßen zusätzlich?
Da haben sich die Planer viele Gedanken gemacht. Der Aushub aus Baugruben und Tunnels soll über eine eigene Baustraße transportiert werden. Dieser Transport verläuft völlig unabhängig vom heutigen Straßenverkehr auf Bahngelände zu einem Sammelplatz am Nordbahnhof. Der Aushub wird dort auf Züge verladen und per Schiene abtransportiert.
In anderen Bereichen ist beispielsweise in Degerloch an der Sigmaringer Straße der Abtransport über die nahegelegene Bundesstraße 27 vorgeschrieben, um Ortsbereiche nicht mit Baustellenverkehr zu belasten.


Was ist mit dem denkmalgeschützten Bahnhof? Warum kann der nicht so erhalten bleiben, wie er ist?
Der Bonatzbau bleibt in seinem Kern ja erhalten. Nach meinem Verständnis als Bauingenieur haben die Seitenflügel bisher die Funktion gehabt, die heutigen Gleisanlagen, die ja senkrecht auf den Bonatzbau zulaufen, zu fassen. Und da es diese Bahnanlage in der Zukunft nicht mehr gibt, verlieren diese ihre Funktion. Das ist aus städtebaulicher Sicht folgerichtig. Wenn man einen modernen Bahnhof baut, muss man auch über bestehende Strukturen nachdenken.


Foto: Turmforum
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"Könnte ich das Zeitrad vordrehen, würde mich der neue Bahnhof am meisten interessieren. Denn das ist ein Unikat, das es in dieser Form noch nirgendwo gibt. Der neue Bahnhof ist etwas Einzigartiges!"
Gerhard Rotermund