Gönner und Gönner

In Ulm und um Ulm herum

von r.n.l.: Tanja Gönner, Ivo Gönner

Sie war viele Jahre lang CDU-Ministerin in Baden-Württemberg, er ist ein SPD-Urgestein und Rathauschef in Ulm. Ein Gespräch mit Herrn und Frau Gönner über familiäre und projektbezogene Verwandtschaft.

Herr und Frau Gönner: Wie lange sind Sie eigentlich schon verheiratet?
Tanja Gönner: Oh je.
Ivo Gönner: Die Frage, in welcher Beziehung wir zueinander stehen, ist schon häufiger gestellt worden. Je nach dem, ob es die Leute gut oder schlecht mit uns meinten, wurden unterschiedliche Konstellationen ins Spiel gebracht. Die für mich charmanteste gipfelte in der Frage: "Ist das ihre Tochter?"
Tanja Gönner: Wir waren mal zusammen bei einem Termin in Ulm. Dort hat jemand tatsächlich gefragt: "Tochter oder Ehefrau?"
Ivo Gönner: Frau Gönner galt nicht nur als meine Tochter und Ehefrau, sondern auch schon als meine Tante. Nur als meine Mutter ist sie bisher nicht durchgegangen.
Tanja Gönner: (lacht) Das wäre auch schwierig geworden. Tatsache ist: wir sind weder verwandt noch verschwägert. Wir haben einfach nur den gleichen Nachnamen. Allein das reicht schon, um manchmal den Puls nach oben zu treiben.

Wie das?
Tanja Gönner:Als ich vier Monate Sozialministerin war, habe ich morgens meine Heimatzeitung aufgeschlagen und da stand: "Gönner fordert..." Ich dachte: oh Gott. So etwas hatte ich noch nie gefordert. Nach wenigen Zeilen wurde klar, das der Städtetagspräsident Ivo Gönner gemeint war. Dann ging der Puls wieder runter.
Ivo Gönner: Mir ist das manchmal ähnlich gegangen. "Mensch, hasch jetzt dazu au no dein Senf gäba?", dachte ich bei so mancher Nachricht in der Zeitung. Tatsächlich hatte sich die Frau Ministerin geäußert. Das war mir dann im Zweifel auch lieber.

Es gibt neben dem Namen noch weitere Schnittmengen: Sie sind beide prominente Vertreter ihrer Parteien und sie sind beide für Stuttgart 21.

Ivo Gönner: Stimmt. Bei mir hatte das Bekenntnis für dieses Verkehrsprojekt auch mit der Vorgeschichte zu tun. Fast wären die schnellen Züge nämlich an uns vorbei gefahren.

Das müssen Sie erklären.
Ivo Gönner: Ich weiß nicht, ob sie sich noch an die berühmte Krittian-Trasse aus den achtziger Jahren erinnern, benannt nach dem früheren Chefplaner der Bahn, Ernst Krittian? Der Professor hatte eine Variante ins Spiel gebracht, bei der die schnellen Züge den Stuttgarter Hauptbahnhof gar nicht angefahren hätten. In Cannstatt sollte stattdessen eine ICE-Station entstehen. Von dort wären die Züge durchs Filstal gerast, hätten die Geislinger Steige umfahren und auch um Ulm einen Bogen gemacht, ehe sie auf die bei Günzburg eingeschwenkt wären, um von dort weiter nach München zu fahren. Das war die ursprüngliche Idee. Wir haben sehr dafür gekämpft, dass Ulm eingebunden wird. Dies ist dann ja auch mit der Trasse von Professor Gerhard Heimerl passiert, der die heutige Strecke entlang der Autobahn vorgeschlagen hat, die auch den riesigen Vorteil hat, dass sie den Stuttgarter Flughafen mitnimmt. Das war der absolute Gegenentwurf zu Krittian. Ich bin froh darum. Seitdem ist das alles rauf und runtergenudelt worden und die Menschen in Baden-Württemberg wurden allesamt zu Verkehrsingenieuren.

Was erwartet sich der Verkehrsingenieur Ivo Gönner von der neuen Schnellfahrstrecke zwischen Stuttgart und Ulm?
Ivo Gönner: Eine ganze Menge. Vor 160 Jahren, im Juni 1850, ist der erste Zug auf der neuen Filsbahn von Stuttgart über Untertürkheim, Plochingen und Göppingen bis Ulm gefahren. Damals nahm Württemberg im Allgemeinen und der Raum Ulm im Besonderen durch die Bahn wirtschaftlich einen unglaublichen Aufschwung. Auf der neuen ICE-Strecke von Stuttgart nach Ulm ruhen ähnliche Hoffnungen. Es geht um Entwicklungschancen für die nächsten hundert Jahre. Das ist die Botschaft.
Tanja Gönner: Für mich als Sigmaringerin war Ulm immer schon ein wichtiger Bezugspunkt. Lange bevor ich politisch Verantwortung getragen habe, hatten mich die Chancen dieses Projekts fasziniert. Für den südlichen Teil des Landkreises Sigmaringen, aus dem ich stamme, bedeutet die Neubaustrecke eine deutlich schnellere Anbindung nach Stuttgart über Ulm.
Ivo Gönner: Diese Knotenfunktion von Ulm für den regionalen Verkehr sprechen Sie zu Recht an, Frau Gönner. Sie ist bisher in der Debatte nicht ausreichend beleuchtet worden. Man muss sich bewusst machen, dass wir hier über ein riesiges Einzugsgebiet reden, das sich von Heidenheim bis in den bayerischen Landesteil erstreckt. In Ulm, um Ulm und um Ulm herum leben mehr als zwei Millionen Menschen, die letztlich von der Drehscheibe um den Fernbahnhof profitieren werden.
Tanja Gönner: Ich bin der festen Überzeugung, dass Ulm durch die ICE-Trasse noch einmal deutlich an Attraktivität gewinnen wird. Allein die Anbindung an das Zentrum Stuttgart bietet unglaubliche Chancen, übrigens nicht nur wirtschaftlich, sondern auch, was die Bevölkerungsentwicklung angeht. Es wird in Zukunft deutlich mehr Menschen geben, die in der Gewissheit aufs Land ziehen, dass sie bei Bedarf in einer halben Stunde in Stuttgart sein können, wenn sie in Ulm den ICE nehmen. Wir reden da über Zeiten, die mit denen von S-Bahnen im Ballungsraum vergleichbar sind.

Weshalb ist es in der Vergangenheit nicht besser gelungen, mit solchen Argumenten zu punkten?
Tanja Gönner: Ich glaube, dass dieses Projekt viele überzeugen wird, wenn es erst verwirklicht ist. Ich halte Stuttgart 21 für eines der größten Zukunftsprojekte in diesem Land. Die Bahn muss in den Städten sein, und zwar mittendrin. Sie muss verschiedene Verkehrssysteme verknüpfen, sie muss den Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft entsprechen, sie muss Regionen und Städte verbinden. Für all das steht dieses Projekt. Durch Stuttgart 21 und die ICE-Strecke nach Ulm werden alleine im Fernverkehr zwei Millionen zusätzliche Fahrgäste erwartet.

Umso mehr verwundert es doch, dass die Leute noch immer nicht Halleluja schreien. Es gab viele Parlamentsbeschlüsse, eine Schlichtung, Gerichtsurteile zugunsten des Projekts, zuletzt eine Volksabstimmung mit klarer Botschaft. Haben Sie Verständnis dafür, dass es nach wie vor Widerstand gibt?

Ivo Gönner: Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir das nicht recht erklären. Das Projekt ist jetzt wirklich durchleuchtet und legitimiert. Nun sehe ich einen großen Handlungsbedarf bei der Bahn. Für sie ist die Zeit der Taten gekommen. Politisch sollte auf die Volksabstimmung ein Akt der Hygiene folgen. Der Streit ist demokratisch ausgefochten, Stuttgart 21 hat die höchsten demokratischen Weihen. Jetzt müssen alle an einem Strang ziehen und den Bau konstruktiv begleiten.
Tanja Gönner: Es überrascht mich nicht, dass es nach wie vor einen harten Kern von Gegnern gibt. Ich habe auch Verständnis für Menschen, die Ängste haben oder persönlich betroffen sind. Damit muss die Politik umgehen und versuchen, den Leuten die Ängste zu nehmen. Das ist im Übrigen auch die Aufgabe der Bauträger. Dessen ungeachtet war die Volksabstimmung am 27. November für den Großteil der Bürger der Moment an dem sie gesagt haben: Jetzt ist es auch gut!

Im grünen Teil der Landesregierung sehen das nicht alle so.
Tanja Gönner:
Verkehrsminister Hermann täte gut daran zu verinnerlichen, dass die Bevölkerung das Ganze als eine Gesamtabstimmung über das Projekt verstanden hat. Es ist für mich schon erstaunlich, wie er im Landtag ständig versucht, das eindeutige Ergebnis des Votums zu relativieren. An dem Punkt habe ich kein Verständnis. Es gehört zur Demokratie, solche Entscheidungen zu respektieren. Ich akzeptiere auch, dass wir eine Wahl verloren haben, auch wenn es natürlich schmerzt. Genauso erwarte ich von Herrn Hermann, dass er akzeptiert, dass das Volk anders entschieden hat als er sich das gewünscht hat. Es gehört von nun an zu seinen Aufgaben, dieses Projekt voran zu bringen, auch dann, wenn es Probleme gibt. Im Übrigen ist es jetzt auch an der Bahn, sich auf dieses Projekt zu konzentrieren, es technisch sauber zu verwirklichen und die Menschen mitzunehmen, gerade vor dem Hintergrund der nicht unproblematischen Vorgeschichte.
Ivo Gönner: Wissen Sie, wir hatten vor mehr als 20 Jahren bei uns in Ulm eine Riesendiskussion über eine Müllverbrennungsanlage. Es gab mehr als 20.000 Einwendungen gegen das Projekt. Wir haben abgestimmt und vor 15 Jahren gebaut. Heute sind alle ganz froh, dass wir die Anlage haben. Ich will damit sagen, dass die Leute ab einem bestimmten Punkt erwarten, dass umgesetzt wird, was beschlossen worden ist. Das gilt auch für Stuttgart 21. Dieses Projekt muss ab jetzt befördert werden.

Und wenn der Tiefbahnhof und die Neubaustrecke endlich fertig sind, sitzen Herr und Frau Gönner einträchtig nebeneinander im festlich geschmückten Zug?
Ivo Gönner: Wir werden zwei Plätzle reservieren, bei der Jungfernfahrt nebeneinander sitzen und ein bisschen plaudern über die alten Zeiten, in denen wir verheiratet waren und gleichzeitig Vater und Tochter.

Stand: September 2012

Das Interview finden Sie auch in "Bezug – Das Projektmagazin", Ausgabe 02, das Sie unter anderem im Turmforum kostenlos erhalten oder hier herunterladen können.