GD. Ing. Karl-Heinz Strauss (CEO PORR AG)

"Wir nehmen die Ängste ernst"

Ein Gespräch mit dem Vorstand der PORR AG

Einen Steinwurf entfernt von Österreichs größter Baustelle, dem neuen Wiener Hauptbahnhof, dirigiert Karl-Heinz Strauss einen Konzern mit fast 11.000 Mitarbeitern. Die PORR AG, zweitgrößter Baukonzern der Alpenrepublik, hat derzeit auch in Stuttgart eine millionenschwere Mission. Ein Gespräch.

Karl Heinz Strauss ist 52 Jahre alt und seit 2010 Generaldirektor der PORR AG, die 2012 einen Umsatz von EUR 2,89 Mrd. eingefahren hat (nach EUR 2,91 Mrd. im Jahr davor) und damit als zweitgrößter Baukonzern Österreichs gilt.
Karl Heinz Strauss ist 52 Jahre alt und seit 2010 Generaldirektor der PORR AG, die 2012 einen Umsatz von EUR 2,89 Mrd. eingefahren hat (nach EUR 2,91 Mrd. im Jahr davor) und damit als zweitgrößter Baukonzern Österreichs gilt.


Herr Strauss, von Wien nach Stuttgart sind es 690 Kilometer. Wie oft haben Sie diese Distanz in den vergangenen Monaten zurückgelegt?

Sehr oft, aber immer wieder gern. Derzeit laufen unsere Arbeiten am Albaufstieg, mit dem Boßler- und dem Steinbühltunnel setzen wir ein besonders anspruchsvolles Baulos um. Auch am Fildertunnel sind wir federführend beteiligt. Insgesamt summieren sich die Aufträge, die die PORR beim Großprojekt Stuttgart–Ulm erhalten hat, auf knapp EUR 1,3 Mrd. Dass man sich da als Chef öfter persönlich ein Bild vor Ort macht ist selbstverständlich. Allerdings sind das keine Kontrollbesuche sondern dienen der eigenen Neugier, denn unsere Mannschaft hat einen ausgesprochen großen Erfahrungsschatz mit schwierigen Tunnelvortrieben.


Anders als in Wien, wo der neue Hauptbahnhof weitgehend geräuschlos gebaut wird, wirkt in Stuttgart der Streit um das Für und Wider von Stuttgart 21 noch immer nach. Ist diese Baustelle anders als andere Baustellen?
Die Aufträge im Rahmen von Stuttgart–Ulm zählen für uns gemeinsam mit dem U-Bahnbau in Katar zu den derzeit größten Projekten. Natürlich hat jede Baustelle ihre besonderen Herausforderungen. In Stuttgart haben manche Menschen ihr Vertrauen in das Projekt verloren. Wir sind angetreten dieses Vertrauen wieder zu gewinnen. Insgesamt ist die Debatte in den vergangenen Monaten aber deutlich ruhiger geworden, von beiden Seiten.


Immer wieder geht es in den öffentlichen Debatten um die Kosten, die bei vielen Großprojekten in Deutschland aus dem Ruder laufen. Der Bundesverkehrsminister hat deshalb extra eine Expertenkommission einberufen. Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass die Kosten oft durch die Decke gehen?
Das Problem ist, dass Großprojekte, bei denen es signifikante Budgetüberschreitungen gibt, deutlich mehr mediale Aufmerksamkeit erfahren, als die 97 Prozent der Aufträge, die im oder sogar unter dem Kostenvoranschlag abgewickelt werden. Dass die Medien in einem solchen Fall ihrer Rolle als Aufklärer nachkommen, ist zu begrüßen, man muss aber auch genau schauen wie es zu diesen Mehrkosten kam. Bei Stuttgart 21 gab es bereits lange vor Baubeginn eine Berg- und Talfahrt bei der Planung, was die Kosten in die Höhe getrieben hat.


Ein weiteres Thema sind die Untergrundbewegungen, die Ängste bei den Leuten auslösen. Es wird künftig rumoren unter der Landeshauptstadt. Können Sie die Sorge um die Folgen des Tunnelbaus verstehen?
Wir haben uns mit dem Projekt sehr intensiv beschäftigt, bevor wir uns beworben haben. Wir sind überzeugt, dass wir mit der Kompetenz der PORR AG die spezifischen Themen sehr gut beherrschen. Wir haben in vielen Städten gebaut, unter Flüssen, unter fragilen Altbauten und Kulturdenkmälern, und haben sehr große Erfahrung damit. Wir haben mit dem Tunnelvortrieb die richtige Methode gewählt. Aber wir nehmen Sorgen und Ängste der Bürger durchaus ernst.


Wann wird die Herrenknecht-Maschine mit der Tunnelbohrung vom Fasanenhof aus beginnen?
Wir haben jetzt damit begonnen, am oberen Tunnelaustritt die Baustellen einzurichten. Die Tunnelbohrmaschine wird Mitte 2014 arbeiten.


Sind Sie damit noch im Zeitplan?

Die Gesamtlänge der Bauzeit ist gleich geblieben. Aber wir haben jetzt Verzögerungen bei den Vorarbeiten. Ich traue mich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zu sagen, ob wir später fertig werden oder die Zeitverzögerung wieder aufholen können.


Apropos Zeitverzögerung: Namhafte Architekten, darunter Christoph Ingenhoven, der den Stuttgarter Tiefbahnhof geplant hat und Meinhard von Gerkan, der sich am Berliner Flughafen engagiert, haben neulich in einem Interview bedauert, dass heutzutage fast neben jeder Baustelle ein Rechtsanwalt stehe, um Nachforderungen zu begründen. Ist das Bauen komplizierter geworden?
Ich kenne das Interview. Wir arbeiten nach der guten Tradition einer Partnerschaft, weil bei einem großen Projekt Flexibilität nötig ist. Ich erwarte, dass mein Auftraggeber technisch kompetent ist und sich zu entscheiden traut, und dass er sich nicht hinter Paragrafen versteckt. Rechtsanwälte haben auf einer Baustelle nichts verloren.


Für Schlagzeilen hat in der Vergangenheit der Streit darüber gesorgt, wo die Betonelemente für die Röhre, die so genannten Tübbinge, vorproduziert werden, ehe die Fertigteile in den Tunnel eingesetzt werden. Wie ist aktuell ist der Stand der Dinge?
Die Produktion wird in Neumarkt in Bayern erfolgen.


Wie viel Beton wird für die Tübbinge grob verarbeitet?

Es werden ca. 250.000 Kubikmeter Beton verarbeitet.


Hätten Sie sich einen Ort näher an der Baustelle gewünscht? Sind Sie enttäuscht von der Stadt Stuttgart, die es Ihnen in diesem Punkt nicht gerade leicht gemacht hat?
Es ist für uns nicht ganz leicht, uns zugestandene Flächen auch zu nutzen. Wir hätten uns da mehr Kooperationsbereitschaft der Grundstückseigentümer und der Stadt gewünscht – zumal wir ja nur zeitlich befristet drauf wollen und auch eine entsprechende Miete zahlen. Wir bekommen es auch so hin, aber es könnte einfacher sein.


Zurück zum Tunnelbau. Ihre Leute sind darauf spezialisiert und haben kompetente Partner in den Arbeitsgemeinschaften an ihrer Seite. Dennoch: Vor der Hacke ist es dunkel, sagt der Bergmann. Worauf ist im Stuttgarter Tunnelbau zu achten?
Bei einer Tunnelbaustelle ist trotz sorgsamer Planungen und Erkundungen immer damit zu rechnen, dass sich Unwägbarkeiten zeigen. Deshalb ist es wichtig, eine sehr erfahrene Tunnelmannschaft zu haben. Die PORR und die anderen Firmen der ARGE haben dieses Team. Man muss als Mineur genau schauen und hören, was kommt vom Berg zurück. Es kommt auch darauf an, wie die Mannschaft vor Ort unter Tage zusammenarbeitet. Das ist Erfahrungssache und mitentscheidend für den Erfolg.


Wann rechnen Sie mit einem Ende des Einsatzes in Stuttgart?
Die Rohbauarbeiten werden 2018 abgeschlossen und die Restarbeiten 2019 finalisiert.


Sie sind auch künftig öfter im Ländle? Können Sie als Wiener eigentlich schwäbisch?
Ich bin gebürtiger Kärntner, mit Dialekten kenne ich mich also ganz gut aus. Das Schwäbische hat sich mir aber bisher noch nicht recht erschlossen.

 

Stand: August 2013