Stefan Penn

"Die Badegäste merken nichts"

Ein Interview zum Thema Wasser mit dem Gesamtprojektleiter des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm

Stefan Penn, Gesamtprojektleiter des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm
Stefan Penn, Gesamtprojektleiter des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm

Wenn es in Stuttgart ums Wasser geht, sind nicht nur die Badegäste im Mineralfreibad Berg sensibel. Warum muss für Stuttgart 21 doppelt so viel Wasser wie geplant abgepumpt werden? Sind Quellen bedroht? Projektleiter Stefan Penn steht Rede und Antwort.

Die Planungen für Stuttgart 21 dauern bereits mehrere Jahre. Jetzt wird plötzlich von einer Überarbeitung der Pläne und einer Erhöhung der Wassermengen gesprochen. Riecht das nicht ein bisschen nach Schummelei?
Die Bahn ist selbst am stärksten von dieser Entwicklung betroffen. Die mit der Planfeststellung vorgegebenen Wassermengen wurden auf Basis der damals vorliegenden Daten mit zwei unabhängigen Grundwassermodellen, eines der Deutschen Bahn und eines im Auftrag der Fachbehörden, berechnet. Für den Bereich der Talquerung mit Hauptbahnhof ist damals eine Gesamtmenge von rund 3 Millionen Kubikmeter Wasser ermittelt worden. Uns wurde mit dem Planfeststellungsbeschluss die Aufgabe übertragen, vor Baubeginn ein erweitertes Grundwassermodell mit den Erkenntnissen aus zusätzlichen Erkundungsbohrungen und Pumpversuchen zu erstellen. Im Ergebnis zeigte unser neues Modell, dass über die gesamte Bauzeit für den neuen Tiefbahnhof bis zu 6,8 Millionen Kubikmeter Grundwasser in der Talquerung gehoben werden müssen. Diese Einschätzung wurde durch ein zweites unabhängiges Modell des Landes Baden-Württemberg bestätigt.

Wie kann es sein, dass sich die Grundwasserentnahme laut den aktuellen Prognosen verdoppelt hat?
Das haben wir uns auch gefragt. Als Gründe wurden von den Experten ein genaueres Bild der Bodenschichten und die erhöhte Durchlässigkeit einzelner Schichten genannt.

Heißt das, es könnte letztlich bei den Arbeiten auch weniger Wasser kommen oder noch mehr?
Wie jedes andere Modell auch, können die Grundwassermodelle die tatsächlichen Verhältnisse nur angenähert abbilden. Dazu kommt, dass der Grundwasserspiegel durch die jeweiligen Niederschlagsverhältnisse
natürlichen Schwankungen unterliegt und damit direkten Einfluss auf den Wasserandrang in den Baugruben hat. Bei hohem Grundwasserstand fällt mehr Wasser in den Baugruben an als bei niedrigem Wasserstand. Aus diesem Grund wird für die Modelle ein mittlerer Wasserstand zu Grunde gelegt.

Wofür braucht man überhaupt Grundwassermanagement?
Früher wurde bei solchen Arbeiten das Grundwasser aus den Baugruben gepumpt und in die Kanalisation eingeleitet. Heute werden die Eingriffe in das Grundwasser minimiert. Wir reinigen das geförderte Wasser mit Hilfe des Grundwassermanagements und geben es in der Umgebung der Baugrube wieder in den Boden. Von den 6,8 Millionen Kubikmetern, die für die Baustelle abgepumpt werden, versickern wieder rund 6 Millionen. Wir entnehmen also de facto letztlich nur 0,8 Millionen Kubikmeter Wasser.

Sind die wertvollen Mineralwasservorkommen durch die erhöhte Grundwasserentnahme gefährdet?
Nein. Keine der Baumaßnahmen für Stuttgart 21 greift in die mineralwasserführende Schicht des Oberen Muschelkalks ein, die 40 Meter unter der Geländeoberfläche liegt. Nicht nur die Experten im Projekt, sondern auch das Amt für Umweltschutz der Stadt Stuttgart sowie der Landesumweltminister schließen eine Gefährdung der Mineralquellen aus.

Gibt es Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung?
Keine Sorge, nein. Das Trinkwassernetz der Stadt Stuttgart wird durch die Landes- und Bodenseewasserversorgung gespeist.

Müssen die Badegäste in den Mineralbädern während der Bauzeit Einschränkungen befürchten?
Nein. Die Badegäste werden keine Auswirkungen spüren. Die Auswirkungen auf die Heil- und Mineralquellen werden so minimiert, dass lediglich ein geringfügiger Schüttungsrückgang von maximal zwei Prozent eintreten kann. Diese Mengen liegen weitunter der natürlichen Schwankung der Quellen.

Wie steht es um Bäume in der Umgebung der Baugrube?
Dazu muss man wissen, dass die meisten Bäume ihr Wasser nicht aus dem Grundwasser sondern überwiegend aus dem versickernden Niederschlagswasser beziehen. Im Nahbereich der Baugrube werden dazu noch die Bodenfeuchtigkeit sowie die Bäume selbst überwacht. Sollte es nötig sein, wird bewässert.

Wo genau verlaufen die Leitungen im Stadtgebiet?
Das geplante Rohrleitungssystem erstreckt sich im Wesentlichen entlang der Baugruben und der Tunnelanstiche. Dazu kommen noch die Überschusswasserleitungen zum Neckar entlang der Bahntrasse. Die im Kernerviertel verlaufenden Rohre werden in einer Höhe von 4,50 Metern und mit einigem Abstand zu den dortigen Häusern verlegt.

Wie stellen Sie sicher, dass es durch die Wasserentnahme keine extremen Bewegungen im Untergrund gibt und Häuser möglicherweise Risse bekommen?
Wie schon gesagt: Das in den Baugruben gehobene Grundwasser versickert zu 90 Prozent wieder in der näheren Umgebung. Dadurch wird eine weiträumige Absenkung des Grundwassers vermieden. Im Übrigen sei erwähnt, dass Stuttgart 21 nicht die erste Großbaustelle im Zentrum Stuttgarts ist. Der Baugrund in der Innenstadt hat schon mehrfach Grundwasserabsenkungen in großem Umfang erfahren, ohne dass es zu größeren Problemen gekommen wäre. Denken Sie allein an den Bau der S-Bahn und U-Bahnlinien gerade im Bereich des Hauptbahnhofes.

Könnte sich das Projekt durch das Mehr an Wasser zeitlich nach hinten verschieben?
Beabsichtigter Beginn des Grundwassermanagements ist unverändert Anfang 2013. Somit ändert sich auch der vorgesehene Termin für die Inbetriebnahme im Jahr 2020 nicht.

Wer überwacht das Ganze?
Die Bauarbeiten für Stuttgart 21 unterliegen, wie alle anderen Bauvorhaben der Bahn auch, der Vollzugskontrolle des Eisenbahn-Bundesamtes und der Fachbehörden. Hier gibt es keine Ausnahme.

Es gibt die Befürchtung, dass das Grundwassermanagement auch nach der Fertigstellung des Bahnhofs weiterbetrieben werden muss. A never ending water-story?
Irrtum. Die Anlagen werden natürlich abgebaut, bevor der neue Bahnknoten in Betrieb geht. Nach Fertigstellung werden die Bauwerke frei von Grundwasser umströmt und es werden sich in kurzer Zeit wieder ungestörte Verhältnisse einstellen. Dieser Vorgang wird durch das beschriebene Versickern beschleunigt. Auch diese Phase wird übrigens von Sachverständigen überwacht und dokumentiert.

Stand: September 2012

Das Interview finden Sie auch in "Bezug – Das Projektmagazin", Ausgabe 02, das Sie unter anderem im Turmforum kostenlos erhalten oder hier herunterladen können.