W. Reichle

Projektleiter der SSB für Stuttgart 21

Foto: Turmforum
Foto: Turmforum

  • Jahrgang 1957
  • seit 1995 bei der SSB beschäftigt
  • seit 1997 am Projekt Stuttgart 21 beteiligt









Stand: Juni 2009

Herr Reichle, als Projektleiter sind Sie für alle Maßnahmen der SSB zuständig, die im Zusammenhang mit Stuttgart 21 notwendig sind. Können Sie kurz erklären, was die SSB bauen wird?
Durch das Bahnprojekt Stuttgart 21 werden die beiden Hauptstrecken der SSB beidseits des Hauptbahnhofes zerschnitten. Als Ersatz müssen ein neuer Stadtbahntunnel parallel zur Heilbronner Straße und eine neue Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie gebaut werden. Da diese direkt mit dem Tunnelbauwerk des neuen Bahnhofes verbunden sind, ist eine gemeinsame Herstellung die technisch und wirtschaftlich sinnvollste Lösung. Durch die Anschlüsse an die Bestandsbauwerke und die vorhandenen Gleise, Fahrleitung und Netzinfrastruktur gibt es allerdings so viele Berührungspunkte, dass viele SSB-Mitarbeiter in den Bauprozess involviert werden.
Zusätzlich baut die SSB auch selbst. Durch das städtebauliche Projekt Stuttgart 21 sind neue Stadtteile wie das Europaviertel oder das Rosensteinviertel durch die Stadtbahn zu erschließen. Hierfür wird eine neue Stadtbahnlinie U12 gebaut, die im Endzustand von Dürrlewang im Süden durch die neuen Stadtteile über das Löwentor zum Hallschlag und weiter bis ins Neckartal nach Remseck verkehren soll.


Welche U-Bahn-Linien sind davon betroffen?
Vom Bahnprojekt Stuttgart 21 werden alle Innenstadtlinien und die U 13 betroffen sein – bis auf die Filderlinien U 3 und U 8, also alle.
Übrigens sprechen wir in Stuttgart von Stadtbahnlinien. Das weiße "U" auf blauem Grund steht für „unabhängig vom Straßenverkehr“ –  zumindest dort, wo sich dieses realisieren lässt.


Viele Bürger haben den U-Bahn-Bau in den 70er Jahren noch in bleibender Erinnerung. Sind die anstehenden Baumaßnahmen damit vergleichbar?
Ja und nein. Die Bauverfahren haben sich technologisch sehr weiterentwickelt. Heute müssen keine riesigen Baugruben mehr über Jahre offen stehen. Zunächst wird zwar auch eine flache Grube ausgehoben, aber darüber werden sofort "Deckel" gebaut. Die eigentlichen Bauarbeiten finden somit unter diesen "Deckeln" statt – und dies in möglichst kurzer Zeit. Damit werden die großen Beeinträchtigungen - wie wir sie in den 70er Jahren hatten - ausgeschlossen. Den Verkehr ohne spürbare Behinderungen aufrecht zu halten und die Bauarbeiten zügig abzuwickeln wird die große Herausforderung der Verantwortlichen sein.


Sie haben viele Kunden, die täglich pünktlich zur Arbeit wollen. Wie bereiten Sie sich darauf vor, dass dies angesichts zweier so großer Baustellen rund um den Hauptbahnhof auch funktioniert?
Mit den DB-Projektverantwortlichen werden die Eingriffe in die SSB-Infrastruktur örtlich begrenzt und zeitlich abgestimmt. Unser Ziel ist es, dadurch die Beeinträchtigungen auf den Betrieb zu minimieren. Wir simulieren zur Zeit einen Fahrplan mit Langsamfahrstellen. Wo erforderlich, werden zusätzliche Züge eingeplant, um den Takt und den Fahrplan zu halten. Aber auch Störfallszenarien werden untersucht, damit im Bedarfsfall schnell reagiert werden kann.


Die Bauphase bringt viele Nachteile für Ihre Kunden mit sich. Auf welche Vorteile können sich Ihre Kunden freuen, wenn alles fertig ist?
Unser Ziel ist, auch während der Bauzeit einen gewohnt qualitativ hochwertigen Nahverkehr in Stuttgart zu bieten. Unsere Fahrgäste können sich auf eine freundliche, nach oben und zum Park hin offene Haltestelle Staatsgalerie mit direkten Zugang zum neuen Hauptbahnhof freuen. Die neue Stadtbahnlinie U12 wird die neu entstehenden Stadtteile an die Innenstadt anbinden, mit der Option einer Verlängerung in die nördlichen Neckarvororte.


Die SSB ist bekannt für ihr vorbildliches Baustellen-Informationsmanagement. Wie werden Sie die Bürger über die aktuellen Veränderungen von Fahrplänen und Routen informieren?
Die SSB ist bei dieser Baumaßnahme sicherlich nicht Herr des Verfahrens. Wir drängen deshalb auf ein abgestimmtes Baustellen-Informationsmanagement der Verantwortlichen bei der DB. Unser bewährtes Informationssystem wird deshalb auf die Projektbesonderheiten ausgerichtet. Auch hier ist unser Ziel, die Informationsqualität für unsere Fahrgäste zu halten.


Nicht alle Stuttgarter fahren mit der SSB. Viele sind auch mit dem Auto unterwegs. Inwiefern sind die Autofahrer von den SSB-Baustellen betroffen?
Die SSB ist ausschließlich für den Bau der U12 zuständig. Deshalb kann ich auch nur zu dieser Baumaßnahme Aussagen treffen. Bereits mit dem Bau der neuen Bibliothek Stuttgart hat der Tunnelbau für die Stadtbahn im Europaviertel hinter dem Hauptbahnhof begonnen und wird kontinuierlich fortgesetzt. Die Anliefung von Baumaterial und der Abtransport von Erdaushub erfolgen über die Wolframstraße. Zur Verbindung mit den bereits fertiggestellten Gleisanlagen in der Nordbahnhofstraße wird eine Brücke über die Wolframstraße ersetzt. Verengungen auf eine Fahrspur wird es zudem im Verlauf der Löwentorstraße in Richtung Hallschlag geben. 


Nebenan baut die Deutsche Bahn dann schon am neuen Durchgangsbahnhof - und das an Stuttgarts größtem Engpass im Talkessel. Haben Sie keine Sorge, dass Sie sich dabei gegenseitig mit Ihren Baumaschinen im Weg sind?
Damit es nicht zu gegenseitigen Behinderungen kommt, favorisiert die SSB die Durchführung der Bauaktivitäten in einer Hand. Aber auch andere Baumaßnahmen sind vorab oder zeitgleich in der direkten Nachbarschaft geplant: Beispielsweise der Neubau des Innnenministeriums in der Willy-Brandt-Straße oder der Konrad-Adenauer-Tunnel der B14 in Richtung Charlottenplatz. Alle Bauvorhaben müssen ihren Bauablauf gegenseitig abstimmen.


Sie bauen außerdem in Stuttgarts sensiblem Mineralwassergebiet. Wo liegen hier die technischen Herausforderungen?
In der Beachtung der geologischen Verhältnisse. Über der Mineralwasser führenden Gesteinsschicht (Muschelkalk) liegen geringdurchlässige Ton- und Mergelschichten, die selbst wiederum teilweise Wasser führend sind. Diese Schutzschichten über dem Mineralwasser haben jeweils Mächtigkeiten zwischen 10 und 20 Metern, teilweise auch darüber. Das Mineralwasser fließt also gut geschützt sehr tief unter dem Talkessel. Solange es keine Verbindung der einzelnen Grundwasserschichten gibt, besteht wenig Gefahr für die Mineralquellen oder die Qualität des Mineralwassers. Damit dies so bleibt, wurden von einem Spezialistengremium Höhen und Gesteinsschichten festgelegt, die nicht unterschritten bzw. angetastet werden dürfen.


Auch der Bahnhof und seine Zugänge sollen grundlegend umgestaltet werden. Haben Sie sich diesbezüglich auch schon Gedanken zur Klett-Passage gemacht?
Soweit der SSB die Planungen bekannt sind, ist die Klett-Passage baulich nicht direkt betroffen. Einzig der großzügige Ausgang in Verlängerung der Königstraße in den Schlosspark wird auf eine Treppenanlage zur Erreichung des Straßenniveaus reduziert.
Die Landschaft der Geschäfte in der Klett-Passage wird sich voraussichtlich verändern, abhängig von der Umgestaltung der Schillerstraße mit ebenerdigem Zugang zum Bahnhof sowie der Qualität der Nutzung der umgebauten Bahnsteighalle über den künftigen Durchgängen zu den DB Bahnsteigen.

Foto: Turmforum
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"Könnte ich das Zeitrad vordrehen, würde ich mich in die Zeit nach dem Umbau ins Jahr 2025 versetzen lassen, wenn die Gleisanlagen zurückgebaut und die Parkerweiterungen bereits abgeschlossen sind. Dann würde ich mir den Straßburger Platz mit seinen Cafés über dem Hauptbahnhof ansehen und die freie Sicht auf die Talhänge Stuttgarts genießen. Anschließend würde ich durch den Park zu den Wohnbauprojekten im Rosensteinviertel spazieren. Sollte mir eine altersgerechte Wohnung mit Sicht in den Park und ansprechender Infrastruktur gefallen, könnte ich über einen Umzug nachdenken."
W. Reichle.