Wolfgang Drexler

Ehemaliger Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm

Foto: Turmforum
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  • Jahrgang 1946
  • Landtagsvizepräsident (Baden-Württemberg)
  • 2001-2006 Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion BW










Stand: August 2009


Herr Drexler, wie muss man sich Ihre ehrenamtliche Arbeit als Sprecher für das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm vorstellen? Welche Aufgaben haben Sie?

Ich habe mir drei Dinge vorgenommen: Erstens: vielen Menschen die Angst vor dem Projekt zu nehmen. Zweitens: klarzumachen, dass die Anbindung an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz eine große Zukunftschance für Stuttgart, die Region und das Land ist. Drittens werden wir natürlich versuchen, die Menschen beim Bau mitzunehmen und sie über alles genau zu informieren.


Sie haben schon seit Ihrer Kindheit eine Affinität zur Bahn. Welche Erinnerungen haben Sie daran und was verbindet Sie jetzt mit der Bahn?
Als Kind habe ich in der Fabrikstraße in Esslingen gewohnt. Wir spielten dort am Bahndamm, haben die Güterzüge gezählt und kannten alle Loks. In Erinnerung geblieben ist mir auch, dass die Züge damals sehr nah und vor allem sehr laut an unserem Haus vorbeifuhren. Deshalb weiß ich, wie störend Lärm ist. In meiner ganzen politischen Arbeit habe ich mich immer dafür eingesetzt, Lärm zu reduzieren und damit die Lebens- und Wohnqualität zu erhöhen. Mit Stuttgart 21 haben wir die einmalige Chance, die Gleise unter die Erde zu verlegen. Das ist doch allemal besser, als neue Gleise in dicht besiedelten Räumen zu bauen.


Steigen Sie selbst öfter in das Auto oder in die Bahn?
Ich fahre sehr viel mit der Bahn, weniger in der Region, aber immer nach Berlin. Denn die Bahn hat für mich vier große Vorteile: Ich kann in der Bahn arbeiten, ich kann in der Bahn lesen, ich kann in der Bahn rumlaufen und das Beste: Ich kann in der Bahn, bevor ich in Berlin aussteige, noch zu Mittag essen. Wenn ich in Berlin ankomme, bin ich ausgeruht und kann sofort durchstarten. Diesen Luxus habe ich im Flugzeug nicht – und im Auto schon gar nicht.


Sie gelten als profunder Kenner des Bahn- und Städtebauprojekts, der sich seit Beginn der Planungen damit beschäftigt. Was fasziniert Sie daran?
Mit dem Projekt bekommen wir einen Anschluss an die Zukunft.
Andere Städte wie Wien und Zürich bauen bereits Durchgangsbahnhöfe, um den Verkehr besser aufnehmen zu können. Unser Bahnhof ist ein sehr nostalgischer Bahnhof, an dem auch in den letzten Jahren nichts gemacht wurde.
Wir müssen jetzt Anschluss finden. Und der Anschluss bedeutet, dass wir einen Durchgangsbahnhof benötigen, der auch größere Kapazitäten zulässt. Über Ulm binden wir damit den ganzen Norden und den Süden Baden-Württembergs an, über die Gäubahn den ganzen mittleren Süden Baden-Württembergs. Und wir können ganz Baden über Karlsruhe anbinden. Mit dem Bahn- und Städtebauprojekt wäre dann unser ganzes Land sehr gut erschlossen.
Das Projekt ist natürlich auch eine tolle Chance für das Land Baden-Württemberg, für die Region sowieso – mit allen Integrationsmöglichkeiten des Nahverkehrs.
Für die Stadt Stuttgart ist es die Chance überhaupt. Ich kenne keine andere Großstadt in Europa, die die Möglichkeit hat, sich auf 100 Hektar im Zentrum neu zu entwickeln, für Wohnen, Kunst und Kultur ein völlig neues Stadtviertel zu realisieren und dabei noch seine Parkflächen zu erweitern. Eine echte Traumaufgabe für die Stadt.


Wie kam es zu Ihrem großen Interesse an der Bahn- und Stadtplanung?
Ich beschäftige mich seit Beginn meiner politischen Laufbahn mit der Bahn- und Stadtplanung –  unter anderem im Umwelt- und Verkehrsausschuss. Als ich 2001 den Vorsitz der SPD Landtagsfraktion übernommen habe, war mir klar, dass dieses große Infrastrukturprojekt die zentrale Voraussetzung ist, das Land auch zukünftig gut entwickeln zu können. Den Flughafen können wir nicht mehr ausbauen und das Straßennetz ist in Baden-Württemberg bereits sehr verdichtet. Das umweltfreundlichste Verkehrsmittel, die Bahn, können wir aber ausbauen. Mein Ziel ist es deshalb, den Bahnverkehr attraktiver zu machen als den Flugverkehr und das Auto.


"Wir müssen ran an die Leute" ist Ihr Motto, wenn es darum geht, Bürger zu informieren und für etwas zu begeistern. Wie wollen Sie das erreichen?
Ich gehe gerne auf Menschen zu. Klar ist, dass ich mich natürlich, wie in den vergangenen Jahren, bei Veranstaltungen und Besprechungen den Menschen stelle. Es gibt sicherlich Menschen, die kann man von dem Projekt nicht überzeugen. Aber es gibt auch viele Menschen, die wir überzeugen können, wenn wir sie umfassend informieren. Wir werden Wissen rund um das Projekt vermitteln und zeigen, welche einmalige Chance dahinter steht.


Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die Bürger?
Wir haben eine Verantwortung für die nachfolgende Generation, für die nächsten 50 bis 100 Jahre – da sind wir jetzt gefordert: Wie planen und organisieren wir das?
Das Projekt ist das auf Jahre größte und wichtigste Infrastrukturprojekt in Deutschland. Wir müssen den Menschen klarmachen, Investitionen in die Infrastruktur bedeutet immer, dass es den Menschen danach besser geht. Es wird ein leichterer Zugang zur Mobilität geben, positive Effekte für den Arbeitsmarkt, für den Standort Baden-Württemberg und die Region Stuttgart. Wir schaffen ja während der Bauzeit alleine im Baubereich 6.-7.000 Vollzeitarbeitsstellen.
Wenn wir dieses Projekt nicht machen würden, wären wir beim umweltschonendsten Verkehrsmittel Schiene erheblich zurück fallen. Das muss man den Menschen klarmachen. Und für eine immer stärker älter werdende Gesellschaft sind alle Vorteile der Mobilität mit der Bahn wichtig – nicht nur im Fernverkehr sondern gerade auch im Nahverkehr.


Die Diskussion um das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm ist emotional aufgeladen. Wie möchten Sie eine Versachlichung erreichen?
Bei diesem Thema darf man kein Firlefanz machen. Wir müssen mit den Leuten reden, müssen Fakten vermitteln. Ich hoffe, dass uns das mit verschiedenen Maßnahmen gelingt. Ich hoffe aber auch, dass die Kritiker des Projekts jetzt akzeptieren, dass das Projekt kommt und sich konstruktiv an der Realisierung eines zukunftsträchtigen und ökologischen Städtebaus beteiligen. Die freiwerdenden Flächen sind ein riesiges Filetstück. Die Stadt Stuttgart hat damit 60 Hektar aus dem Flächennutzungsplan herausgenommen: der Flächenfraß ringsum hört auf und die Stadtmitte hat neue Möglichkeiten. Das muss zukunftsweisender Städtebau werden, sonst ist die Jahrhundertchance vertan. Deshalb halte ich es auch für sehr wichtig, die Bürger an den Planungen zu beteiligen.


Als kommunikativer Mittler steht man sicherlich auch zwischen den Stühlen. Wie werden Sie den Spagat zwischen den verschiedenen Interessen meistern?
Alle Partner haben deutlich zum Ausdruck gebracht, dass ich jetzt für das Projekt spreche und sonst niemand. Ich hoffe, dass sich die vier Träger daran halten, so dass wir auch nicht mehr unterschiedliche Informationen an die Öffentlichkeit geben.
Ich freue mich, dass der neue Bahnchef Rüdiger Grube sich klar zu mehr Offenheit von Seiten der Bahn bekannt hat. Diese Offenheit werde ich in aller Deutlichkeit gegenüber den Bürgern vertreten.


Sie werden als Projektsprecher viel unterwegs sein und den Kontakt mit den Menschen suchen. Wo wird man Sie am häufigsten sehen?
Als Sprecher des Bahnprojekts werde ich dort sein, wo es notwendig ist. Das wird natürlich in Stuttgart, aber auch in der Region sein. Wir haben überall unterschiedliche Informationsbedürfnisse, die auf verschiedenen Ebenen erklärt werden müssen – und das ist meine Aufgabe.


Foto: Turmforum
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"Auf dem Bahnhofsturm gibt es ja heute schon einen schönen Überblick über das gesamte Gelände, das zukünftig für die Stadt Stuttgart als freie Fläche zur Verfügung steht. Wenn man da oben steht, dann kann man sich in einer Vision schon vorstellen, wie das dann nachher alles aussieht: Ich würde dann vom unterirdischen Bahnhof aus in das neue Stadtteil und die neuen Parkanlagen laufen und mir alles ganz genau anschauen."
Wolfgang Drexler