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Reportage: Hoch hinauf und tief hinunter

Aus dem Projektmagazin „Bezug“

Stuttgart, 15.12.2016

Während in Stuttgart der Tunnelbau gerade in einem sensiblen Abschnitt unter dem Neckar vorangetrieben wird, sind die Mineure am Albtrauf bereits durch den Berg. Ein Baustellenbesuch am tiefsten und am höchsten Punkt des Bahnprojekts.

Wer den blauen Markierungen des Panoramawegs folgt, der rund um den Funkturm von Hohenstadt führt, kommt unterwegs an einem malerischen Aussichtspunkt vorbei. Erst kürzlich haben Vermesser des Landratsamtes die Stelle als höchste Erhebung in der Region Stuttgart geortet: Knapp 840 Meter über dem Meeresspiegel hat man nicht nur eine exzellente Fernsichtüber das Tal und die heimatliche Alblandschaft. An klaren Tagen, so werben die Hohenstadter Touristiker, “sieht man sogar in feenhafter Herrlichkeit die Zugspitzemit der Alpenkette herübergrüßen“. Seit einiger Zeit gewähren die Höhenwege zudem auch Ausblicke auf eine Baustelle, die gewaltig ist und das Leben am Albtrauf zunächst einmal etwas durcheinandergerüttelt hat. Im Frühjahr 2013 haben Spezialisten aus Österreich und Deutschland hier mit dem Bau des ersten Tunnels für die Zugtrasse zwischen Wendlingen und Ulm begonnen, dem 4.847 Meter langen Steinbühltunnel, der durchkarstiges Gestein hinunterführt in Richtung Aichelberg.

Es wird unter Hochdruck gearbeitet, womit so manche Belastung für die Kommunen und ihre Einwohner verbunden ist, die ein wenig gebraucht haben, sich an die neuen Umstände zu gewöhnen. Besonders betroffen war und ist Hohenstadt, das sozusagen im Epizentrum des Tunnelbaus am Albtrauf liegt. Dennoch ist es zwischenzeitlich ziemlich ruhig geworden. Nach einiger Eingewöhnungszeit habe sich das Miteinander hier längst eingespielt, sagt Jörg Zschage, der das wissen muss. Der 57 Jahre alte Ingenieur aus dem Erzgebirge gehört als Bauüberwacher vom ersten Tag an zum Team in Hohenstadt, das hier Pionierarbeit geleistet hat. Im November 2012 hätten sie noch tonnenweise Schnee von den Feldern geschaufelt, erzählt er. Damals sei insbesondere bei den Landwirten eine gewisse Skepsis zu spüren gewesen. Heute seien einige von ihnen vielfach in das Projekt eingebunden, indem sie beispielsweise mit ihren Traktoren den Winterdienst auf der Baustelle und andere logistische Arbeiten erledigen würden, so Zschage. Die Gastronomen in der Umgebung profitieren wiederum vom Appetit und Durst der Mineure und den gelegentlichen Feierlichkeiten auf der Baustelle. „Es hat sich alles zu einem sehr guten Miteinander entwickelt“, betont der Ingenieur.

Dass hier alle Beteiligten an einem Strang ziehen und die gleichen Interessen verfolgen, zeigt sich auch daran, dass im vergangenen November sämtliche Bürgermeister der umliegenden Kommunen zum großen Festakt nach Hohenstadt gekommen waren, um gemeinsam den vorzeitigen Durchschlag im Steinbühltunnel zu feiern. Neben den Rathauschefs von Gruibingen, Merklingen, Mühlhausen und Wiesensteig war allen voran natürlich auch Günter Riebort dabei, als Schultes von Hohenstadt sozusagen der Gastgeber des Tages.

Zwischen seinen 800 Hohenstadtern und den 120 Arbeitern seien regelrechte Freundschaften entstanden, so Günter Riebort. Ein Beispiel für das gute Miteinander ist etwa der Alblauf, bei dessen Premiere im Jahr 2013 sich gerade einmal zehn Teilnehmer angemeldet hatten. Zuletzt seien es bereits 130 Läuferinnen und Läufer gewesen, so der Bürgermeister, den das Bauprojekt bereits seit seinem Amtsantritt im Jahr 2008 begleitet. Er sei sehr froh darüber, „wie gut die Arbeit bisher gelaufen ist.“

Das geht auch Bauüberwacher Zschage so. Nur zu gerne fährt er wie an diesem Tag immer mal wieder Besucher in die Stollen, um all das vorzuführen und zu erklären, was hier zwischenzeitlich geschaffen und geschafft wurde. In der Weströhre, in der später einmal die Züge vom Stuttgarter Hauptbahnhof aus in Richtung München unterwegs sein werden, ist die Sohle bereits vollständig betoniert und der Innenausbau zu einem großen Teil fertig. In der Gegenrichtung, der Oströhre, sind die Arbeiter gerade dabei, den Boden auf der gesamten Länge zu betonieren. Viele der überwiegend österreichischen Bergleute, die sich durch die Schwäbische Alb gegraben haben, sind zwischenzeitlich schon wieder abgereist. Sie haben ihre Arbeit getan, wofür es viel Lob und Anerkennung gegeben hat. „Die Mineure haben hier einen super Job abgeliefert“, sagt Jörg Müller, DB-Ingenieur und verantwortlicher Leiter des Projektabschnitts.

Acht längere Tunnel müssen auf der Trasse zwischen Stuttgart und Ulm insgesamt gebaut werden, dazu kommen noch etliche kürzere Streckenabschnitte unter Tage. Der Albaufstieg gilt dabei als das ingenieurtechnische Herzstück der 60 Kilometer langen Neubaustrecke, weil dafür teilweise hundert Millionen Jahre altes Juragestein durchbrochen werden musste. Fast eine Million Kubikmeter Gestein haben die Mineure beim Bau des Steinbühltunnels aus dem Berg geholt, im bewährten Wechselspiel aus Sprengen, Ausbrechen und Betonieren. Ein bergmännischer Dreiklang, der zu einer grandiosen Beschleunigung führt: Während die Züge auf der im Jahr 1850 in Betrieb genommenen Verbindung über die Geislinger Steige teilweise nur 70 Stundenkilometer schnell fahren können, ist die Strecke künftig für Tempo 250 ausgelegt. Die Fahrtzeit zwischen der Landeshauptstadt Stuttgart und Ulm halbiert sich im Fernverkehr dadurch auf dann nur noch rund 30 Minuten.

Das Örtchen Hohenstadt markiert dabei mit 746 Metern den höchsten Punkt dieser Strecke, der tiefste hingegen liegt im Stuttgarter Talkessel. Der Weg dorthin führt durch ein eisernes Drehkreuz zu einem orangefarbenen Industrieaufzug, der schon viele Fahrten hinter sich hat und auch Besucher transportiert, die nicht so richtig schwindelfrei sind. Fast 40 Meter geht es hinunter durch den zentralen Logistikschacht, durch den alles befördert wird, was zwischen der Unterwelt und der Baustelle darüber transportiert werden muss: Mensch und Material. Es ist ein gewaltiges Loch, das sich auf der Baustelle in der Ulmer Straße im Stuttgarter Stadtteil Wangen auftut, direkt darüber thront ein 60-Tonnen-Kran, der für die schwergewichtigen Mulden voller Erde und Gestein zuständig ist. Für die leichteren Fälle gibt es den Aufzug. „Es geht abwärts“, sagt Christoph Leins und drückt auf den Knopf.

Der 49 Jahre alte Ravensburger gehört zu jenen, die den Fahrstuhl nach unten schon oft genommen haben. Leins ist Projektingenieur und als Geologe dafür zuständig, die Gesteinsschichten unter die Lupe zu nehmen, wie er während der Talfahrt erklärt. Im Stuttgarter Untergrund ist das ein überaus verantwortungsvoller Job, was an den besonderen Gegebenheiten liegt. In dem Gipskeuper, der für die Zuführung Ober-/Untertürkheim durchbrochen werden muss, werden an bestimmten Stellen Einlagerungen von Anhydrit erwartet, weshalb die Mineure zwischenzeitlich auf dem Trockenen sitzen. Weil anhydrithaltiges Gestein unkontrollierbar zu quellen beginnt, sobald es feucht wird, darf seit Tunnelmeter 600 kein Wasser mehr beim Vortrieb verwendet werden. Nicht einmal, um die Staubentwicklung nach dem Sprengen etwas einzudämmen, wie Leins erklärt. „Die Sicherheit hat beim Tunnelbau immer oberste Priorität, hier schauen wir ganz genau hin.“

„GL 61 HBF TM 840,60“ haben die Geologen der Bauüberwachung mit roter Farbe an die Ortsbrust geschrieben, die sich an diesem Nachmittag direkt nach der Sprengung in schönster Marmorierung auftut. Was heißt: 840,60 Meter wurde der Stollen mit der Gleisachse 61 bereits in Richtung Hauptbahnhof vorangetrieben. Jeder Meter, den die Mineure vorankommen, wird akribisch mit Fotos und Gesteinsanalysen dokumentiert, um unliebsame Überraschungen jedweder Art auszuschließen. „Die geologische Situation hier unten ist sehr anspruchsvoll“, sagt Christoph Leins. Ein Job, der gleichzeitig durchaus auch geschichtsträchtige Dimensionen hat. Erstmals wurde beim Bau des Tunnels Obertürkheim im März dieses Jahres mit einer Verkehrsröhre der Neckar unterquert, was auch für DB-Projektleiter Günter Osthoff ein ganz besonderer Moment war. „Die erste Neckarquerung ist eine historische Leistung. Mein Dank gilt allen, die dazu beigetragen haben.“

Auch Tunnelpatin Beate Dietrich, im Hauptberuf Bezirksvorsteherin von Wangen, freut sich mit ihrer Amtskollegin aus Untertürkheim, „dass es jetzt unter dem Neckar eine neue Verbindung zwischen den beiden Stadtbezirken gibt“, wie sie sagt. Tatsächlich werden unter dem Neckar insgesamt vier Tunnelröhren aufgefahren, die jeweils in unterschiedlichen Höhen verlaufen. Die bereits fertige Röhre, in der später die Züge zwischen Obertürkheim und dem neuen Hauptbahnhof verkehren werden, liegt dabei etwa 20 Meter unter dem Flussbett. Ein weiterer Stollen für die Gegenrichtung verläuft dagegen lediglich zehn Meter unter dem Neckar, der bei einem leicht schrägen Verlauf auf einer Länge von etwa 180 Metern unterquert wird. Aufgrund der geringen Höhe zwischen Tunneldecke und Flussbett, so Christoph Leins, müsse hier besonders sensibel und vorausschauend vorgegangen werden.

Der Respekt vor diesem Abschnitt ist groß bei allen Beteiligten, weshalb die Firmen ihre erfahrensten Mineure an die Ortsbrust geschickt haben. „Hier kommen etliche Jahrzehnte Bergerfahrung zusammen“, sagt Leins. Aus Sicherheitsgründen werden nach jeweils drei Abschlägen zudem umfangreiche Erkundungsbohrungen vorgenommen, mit denen die Gebirgsfestigkeit geprüft werde, die Zusammensetzung des Gesteins und ein mögliches Auftreten von Wasser, so der Hydrogeologe. Bis zu 15 Meter gehen die Bohrungen in einem bestimmten Winkel hinein in den Berg, weshalb die bergmännische Redensart, dass es vor der Hacke dunkel ist, in diesem Fall nicht zutrifft, wie Leins mit einem Augenzwinkern sagt. „Durch dieses Frühwarnsystem wissen wir immer ein paar Tage im Voraus, was einen erwartet.“

Die ersten paar Meter haben die Mineure den sensiblen Stollen bereits unten dem Neckar vorangetrieben, wenn es weiterhin so gut läuft, kommen sie zwei, drei Meter am Tag voran. „An Weihnachten wollen wir auf der anderen Seite sein“, sagt Leins. Dort, auf der rechten Flussseite, wird in absehbarer Zeit dann auch der tiefste Punkt der Strecke erreicht, der unter dem Inselbad Untertürkheim auf etwa 187 Meter liegt. Ab Februar 2017 sind die Tunnelröhren unter dem Neckar dann auch neu im Angebot für Baustellenführungen.

Droben in Hohenstadt gehören Besuchergruppen derweil längst zum Alltag. Mehr als 8.000 Besucher waren alleine am Tag der offenen Baustelle nach dem Tunneldurchschlag gekommen, was eindrucksvoll zeigt, wie sehr sich die Bürger auf der Alb zwischenzeitlich für die Fortschritte auf den Baustellen der Neubaustrecke interessieren. In Hohenstadt selbst gibt es derweil noch weitere Gelegenheiten, sich über das Geschehen unter Tage zu informieren: Im Gasthof Sonne werden am Stammtisch nicht nur lokale Spezialitäten serviert, sondern auch die neuesten Geschichten aus dem Tunnel. Dabei kommen die Arbeiter nicht nur zu Zwiebelrostbraten und Feierabendbier ins Wirtshaus und ins Gespräch mit den anderen Gästen, sie haben dort auch die meisten Fremdenzimmer belegt. Im Gegenzug haben die Mineure als Dank für die herzliche Aufnahme einen Tunnenlquerschlag nach der Gastwirtin Silke Ramminger benannt – seither gibt es in Hohenstadt einen „Silkestollen“.

Auch Bauüberwacher Jörg Zschage gehört zu den gelegentlichen Gästen in der Sonne, wenngleich er ein paar Kilometer weiter in Holzmaden eine Wohnung genommen hat. Ins dortige Urweltmuseum, in dem Versteinerungen und andere Fossilien ausgestellt werden, hat er es trotz der Nähe bisher noch immer nicht geschafft. „Immer wenn ich Zeit habe, hat es bereits geschlossen“, sagt er. Überhaupt würde er gerne etwas mehr mitbekommen von Land und Leuten, aber die neun Tage am Stück auf der Baustelle sind hart und seine freien Tage im Anschluss verbringt er lieber bei der Familie im Erzgebirge. Die raue Alb ist ihm in der Zeit aber dennoch ans Herz gewachsen und ein paar Jahre bleiben ja noch, wie er sagt, bis die Züge von den Tiefen im Stuttgarter Talkessel hinauf nach Hohenstadt fahren, dem höchsten Punkt der Strecke. „Spätestens dann“, sagt Jörg Zschage, „werde ich mir hier alles ganz in Ruhe anschauen.“

(135) Portal Hohenstadt (Steinbühltunnel) 10.05.2017

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(3) Hohenstadt: Baugrube Pfaffenäcker (Albaufstieg, PFA 2.2) 31.10.2013

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(4) NBS: Steinbühltunnel - Portal Hohenstadt, Baugrube Pfaffenäcker (Zeitrafferfilme 2013-2016) 31.12.2016

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