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„Die Hälfte ist weg“ – vier Millionen Tonnen Erde und Gestein aus Stuttgart abtransportiert

Stuttgart, 20.04.2017

Wohin mit Erde und Gestein? Grafik zur Umsetzung des Logistikkonzepts +++ Auf einem Blick: sieben Vorteile der S21-Baulogistik +++ Projektleiter Tigges im Audio-Interview: «Meine Tür steht jedem offen« +++ Abnehmer kommen zur Wort: «Wir unterstützen das ökologische Prinzip der Bahn«

"Jetzt ist Bergfest. Die Hälfte ist weg und das Ende der Transporte ist absehbar", sagt Wolf-Dieter Tigges, Leiter der zentralen Baulogistik beim DB Projekt Stuttgart–Ulm. Seine Abteilung ist für den Abtransport von Bodenmaterial zuständig, das auf den innerstädtischen Baustellen für den zukünftigen Bahnknoten in Stuttgart anfällt. Am Montag, 24. April, wird der 4.000. Zug die Umschlagflächen der Baulogistik am Nordbahnhof verlassen. Ab dann sind vier von acht Millionen Tonnen Erde und Gestein aus den Baustellen von Hauptbahnhof und angrenzenden Tunneln abtransportiert. Ein Zug, der erste wurde am 2. Juni 2014 beladen, kann circa 1.000 Tonnen Bodenmaterial befördern und in Hochzeiten fahren mehr als zehn Züge pro Tag ab. "Eine Bewegung von Bodenmaterial dieser Menge auf so engem Raum gab es bei Großbauprojekten der Deutschen Bahn noch nie", erklärt Tigges.

Ebenfalls einzigartig ist das Gesamtkonzept der Baulogistik. Durch die Nutzung der gelben Wechselcontainer, die auf Zug und LKW gleichermaßen aufgesetzt werden können, verläuft der Abtransport von Erde und Gestein effizient und ökologisch. Es wird fast ausschließlich über die Schiene abtransportiert, LKW müssen keine langen Wege fahren und ständiges Umladen zwischen Transportfahrzeugen wird reduziert – das spart Zeit und CO2. Durchschnittlich kompensiert eine Zugfahrt rund 40 LKW-Fahrten, wodurch 76 Prozent Kohlendioxidäquivalente (CO2e) eingespart werden. Der pauschale Umweltvergleich zwischen Straße und Schiene, der keine Strecken- und Lastprofile berücksichtigt, errechnet für den Schienentransport von 1.000 Tonnen Erde und Gestein auf einer Strecke von 500 Kilometern rund 30 Tonnen weniger CO2e.

Die Reise der Stuttgarter Erde endet aber nicht in den gelben Containern. Die Deutsche Bahn beliefert unter anderem die Landesgartenschau 2018 in Lahr mit dem S21-Bodenmaterial. Auf verschiedenen Deponien wird der Stuttgarter Boden mitunter zur ökologischen Renaturierung verwendet, wie im thüringischen Kohnstein, in Amsdorf (Sachsen-Anhalt) oder in Michelbach an der Bilz im Landkreis Schwäbisch-Hall. Auch für die weiteren Logistikbereiche von Stuttgart 21 gilt: Tunnelaushub ist kein Abfall und wird bei Bedarf wiederverwertet. So zum Beispiel auf der Baustelle für das neue Bürogebäude des Bio-Supermarktes Alnatura in Darmstadt.

Für das Logistikkonzept erhielt das Team um Projektleiter Tigges 2016 eine bahninterne Auszeichnung, denn ihr Konzept soll auch zukünftig auf weiteren Bahnbaustellen eingesetzt werden. Das Preisgeld von 3.000 Euro spendet das Projekt anläßlich der 4.000. Zugabfahrt am Montag offiziell dem Diakon Peter Maile, Betriebsseelsorger beim Bahnprojekt Stuttgart–Ulm.


Wohin mit Erde und Gestein?

Im ersten Prozess wird Erde und Gestein bereits auf der Baustelle untersucht, nach Bodenarten eingeteilt und dementsprechend in die gelben Container verladen. Von da aus geht es direkt zum Abfahrtsort des Güterzuges. Im zweiten Prozess beginnt die Bodenuntersuchung und -einteilung erst bei einer Zwischenlagerung, weil auf manchen Baustellen eine Untersuchung vor Ort nicht möglich ist. Nach der Einteilung in der Zwischenlagerung wandert die Erde in den gelben Containern zum Abfahrtsort. Dort hievt ein spezieller Stapler (Reachstacker) die gelben Container einfach vom LKW auf den Zug. Am Ankunftsort angekommen, können diese wieder problemlos auf einem LKW platziert werden - alles ohne zeitaufreibendes und lautes Umladen.


Sieben Vorteile der S21-Baulogistik 

  1. Ökologischer Schienentransport
    Bis zu 400 Meter lange Güterzüge mit rund 20 Güterwagen fahren zu den Deponien oder den Wiederverwertungsstellen. Damit können pro Zug über 1.000 Tonnen Erde und Gestein abtransportiert werden. Das kompensiert pro Zug mindestens 40 LKW-Fahrten, was eine Einsparung von 76 Prozent Kohlendioxidäquivalenten (CO2e) bedeutet. Das entspricht nach einem pauschalen Umweltvergleich zwischen Straße und Schiene, der keine Strecken- und Lastprofile berücksichtigt, bei einem Transport von 1.000 Tonnen Erde und Gestein auf einer Strecke von 500 Kilometern rund 30 Tonnen weniger CO2e.

  2. Innovatives und einmaliges Logistikkonzept
    Zum ersten Mal in der Geschichte der Deutschen Bahn fallen acht Millionen Tonnen Bodenmaterial auf so engem Raum für den Abtransport auf der Schiene an. Dazu wurde das Logistiksystem der Wechselcontainer für den kombinierten Verkehr auf Straße und Schiene entwickelt und kann damit auch bei weiteren Großprojekten eingesetzt werden.

  3. Kein Abfall, sondern wertvoller Baustoff
    Die Steine und Erde, die auf den innerstädtischen Baustellen für den Hauptbahnhof und den Tunnelbau anfallen, sind kein Abfall. Sie sind mitunter wertvoller Baustoff für andere Großbaustellen oder ökologische Wiederaufbereitungen.

  4. Kaum Belastung öffentlicher Straßen
    LKW beanspruchen kaum die öffentlichen Straßen, sondern verkehren auf den extra eingerichteten Baustraßen. Die ohnehin schon stark befahrenen Einfallstraßen in die Landeshauptstadt werden daher nicht noch zusätzlich belastet.

  5. Spezielle Lösungen zum Lärmschutz
    Die Bahn hat spezielle Lärmschutzmaßnahmen umgesetzt. An der Baustraße, die von der Innenstadt zur Umschlagfläche führt, wurde im Bereich der Rosensteinstraße eine vier Meter hohe Lärmschutzwand auf rund 250 Metern Länge errichtet. Die Anwohner profitieren von dieser Maßnahme im doppelten Sinne: Die Lärmschutzwand mindert auch spürbar die Geräusche des regulären Bahnbetriebs.

  6. Ausreichend große Bemessung der Infrastrukturanlage
    In Hochzeiten fallen bis zu 15.000 Tonnen Erde und Gestein am Tag an, die bis zu 13 Züge ausfahren können. Die Umschlagfläche im Bereich des Nordbahnhofs ist daher mit zwei Verladebereichen und mehreren Abstellgleisen sehr groß bemessen. Dadurch ist die Entsorgungssicherheit auch zu Spitzenzeiten gewährleistet.

  7. Baulogistik auf bahneigenen Flächen
    Die zentrale Baulogistik (Umschlagfläche und Baustraßen) ist überwiegend auf bahneigenen Flächen eingerichtet. Dazu wurde unter anderem das Gütergleis zwischen Stuttgart Nord und Stuttgart Hauptbahnhof zurückgebaut. Später nutzt die Landeshauptstadt Stuttgart diese Flächen zur städtebaulichen Entwicklung.

Audio- Interview: "Meine Tür steht für jeden offen"
Interview mit Projektleiter Wolf-Dieter Tigges
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Herr Tigges, was macht die Zentrale Baulogistik in Stuttgart einmalig?
Die Herausforderung acht Millionen Tonnen Erdreich aus dem Talkessel von Stuttgart herauszufahren und das überwiegend mit der Bahn. Dazu wurden spezielle Container entwickelt, die hier auf der Fläche benutzt und dann direkt auf die Deponien gebracht werden. Wichtig für uns ist aber auch: Die Systemlösung ist innovativ und wurde nur für dieses Bauvorhaben in Stuttgart hergestellt und soll nun Einzug bei der gesamten Deutschen Bahn erhalten.
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Eine Baustelle hat natürlich auch Begleiterscheinungen wie Lärm und Dreck. Gegen den Lärm hat die Deutsche Bahn an verschiedenen Stellen Lärmschutzanlagen errichtet. Was sind weitere Herausforderungen für Sie?

Der Staub und die Lichtemissionen, die sich bei der Bevölkerung als herausragendes Problem hervorgetan haben. Dagegen macht das Projekt aber eine Menge: Das Lichtkonzept ist auf die Bedürfnisse angepasst worden. Nach 22 Uhr ist kein Licht mehr da und vor 7 Uhr geht kein Licht an. Für den Staub sind entsprechende Staubmessstellen eingerichtet worden, die uns jederzeit einen Überblick darüber verschaffen, welche Emissionen eingeleitet werden. Für uns als Zentrale Baulogistik ist es sehr wichtig, dass wir eine offene Tür auch für unsere Nachbarn und die Bevölkerung haben. Meine Tür ist dafür jederzeit geöffnet – und zwar für jeden!
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Sie haben für Ihr Baulogistik-Konzept 2016 eine unternehmensinterne Auszeichnung bekommen. Was finden Sie persönlich bemerkenswert an Ihrer Arbeit?
Persönlich stark finde ich mein gesamtes Team. Es hat geschafft, aus einem sehr schwachen Bereich der Baulogistik, das oft als Stiefkind bezeichnet wird, eine Einheit zu bilden, die jederzeit die Entsorgungssicherheit des Projektes gewährleistet.
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Abnehmer kommen zu Wort:

"Wir unterstützen das ökologische Prinzip der Deutschen Bahn"

Olaf Böhmer, Logistikpartner von ROMONTA, der weltgrößter Produzent im Bereich Rohmontanwachsherstellung mit Sitz in Amsdorf (Sachsen-Anhalt) sagt:
"Im Januar 2014 kam es zu einem Erdrutsch an der Südböschung im Tagebau von ROMONTA, bei dem circa sechs Millionen Kubikmeter Halde abrutschten. Wir benötigten daher schnell große Mengen Bodenmaterial zur Abstützung der Böschung. Entsorgungssicherheit und kontinuierliche Abnahme von viel Bodenmaterial waren auf der anderen Seite die Prämissen des Projektes Stuttgart–Ulm. Demnach war klar, dass das Bodenmaterial aus Stuttgart prädestiniert für den Tagebau von ROMONTA war. Von Mai 2015 bis Anfang des Jahres bekamen wir täglich rund 1.000 Tonnen von einem Güterzug geliefert."


Tobias de Haen, Geschäftsführer der Landesgartenschau 2018 GmbH, sagt:
"Wir haben für die Landesgartenschau 2018 in Lahr einen See errichtet. Dafür mussten wir eine Gelände-Erhöhung durchführen und dementsprechend die Wege aufschütten. Für diese Erhöhungen haben wir das Stuttgarter Bodenmaterial genutzt. Besonders der logistische Ablauf und der Transport von mehr als 40.000 Tonnen zu uns liefen sehr gut ab. Wir als Landesgartenschau arbeiten zudem im Sinne des Bodenschutzes. Wir unterstützen daher das ökologische Prinzip der Stuttgarter Baulogistik und der Deutschen Bahn im Bezug auf die Wiederverwertung von Tunnelaushub."


Film: Zentrale Baulogistik Stuttgart 21

Impressionen im Bewegtbild über die Baulogistik ansehen.
Der Film ist auch unterhalb der Pressemitteilung eingebunden.


Sie können den Film als Schnittmaterial herunterladen.
Die Verwendung ist frei für die redaktionelle Nutzung.
copyright: DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH | www.bahnprojekt-stuttgart-ulm.de


Interview: Baulogistik - Projektleiter Wolf-Dieter Tigges 20.04.2017

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(1) Zentrale Baulogistik Stuttgart 21 (Drohnenfilm) 20.04.2017

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(58) Baulogistikflächen C 19.01.2017

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(10) Zentrale Baulogistik (Nordbahnhofsviertel): Straßenbrücken werden eingebaut 19.01.2017

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