News-Archiv

Reportage: Die Kelchstützen en miniature

Das Meisterwerk des Modellbauers Reinhard Dörre

Stuttgart, 15.04.2019

Reinhard Dörre arbeitet als Modellbauer im Auftrag des Architekten Christoph Ingenhoven. Seine Miniaturausgabe einer speziellen Kelchstütze für den neuen Stuttgarter Durchgangsbahnhof ist dabei selbst ein kleines Meisterwerk.

Ein kleiner Hinterhof am Rande von Düsseldorf, ein schlichter Flachdachbau und ein Firmenchef, der sich so uneitel präsentiert wie das gesamte Ambiente im Industriegebiet von Erkrath. Jeans, Poloshirt und bequeme Schlappen, das Haar dezent ergraut und leicht verstaubt von der Arbeit mit der Fräse. Willkommen im beschaulichen Reich von Reinhard Dörre, seines Zeichens Modellbauer der Peters & Grau GmbH. Doch der 55-jährige Rheinländer ist nicht irgendein Industriebastler, er muss zu den Besten seines Fachs gehören. Ansonsten würde Christoph Ingenhoven nicht schon seit 1992 mit ihm zusammenarbeiten.

Damals beauftragte der renommierte Architekt aus Düsseldorf erstmals den Modellbauer aus der gleichen Stadt mit einer Arbeit, und daraus haben sich zahlreiche gemeinsame Projekte entwickelt. Essen, Freiburg, Karlsruhe oder Tokio, Sydney, Singapur – Christoph Ingenhoven ist national wie international tätig und seine Entwürfe sind preisgekrönt. „Das Büro ingenhoven architects ist natürlich ein spannender Kunde“, sagt Reinhard Dörre, „nichts wiederholt sich.“

Für den jüngsten Auftrag gilt das im Besonderen: Eine der 28 Kelchstützen, die künftig das Bild des Stuttgarter Hauptbahnhofs prägen werden, sollte es diesmal sein. Noch nie zuvor wurde eine solche Betonschalenkonstruktion gebaut und die Realisierung jeder einzelnen davon ist für die DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH sowie die beteiligten Ingenieure und Mitarbeiter auf der Baustelle eine gewaltige Herausforderung. Diese Stütze in Bauabschnitt 11 ist jedoch besonders anspruchsvoll, da der dortige Bahnsteig am Nordausgang des Bonatzbaus künftig eine Brücke über die quer darunter liegende S-Bahn-Röhre bildet. Aber damit nicht genug. Der Kelch ist so schwer, dass die Brücke eine Last tragen muss, die zehn übereinander gestapelten ICE-Zügen entspricht. Außerdem ist dieser Kelch so zu planen und zu bauen, dass eine Rolltreppe durch ihn hindurchführt – zum Ausgang Richtung Kurt-Georg-Kiesinger-Platz.
 

Viel Fantasie braucht es für eine solche Arbeit und letztlich auch Zuversicht und Mut, sie zu verwirklichen. Reinhard Dörre und seine drei Mitarbeiter gehören zu jenen Spezialisten, die solche architektonischen Großträume im Kleinen ebenso sichtbar wie greifbar machen. Dörre hat sich der Aufgabe verschrieben, diesen elementaren Teil des Gesamtplans von Stuttgart 21 im Kleinformat nachzubauen. Das Modell soll dem Baumeister Ingenhoven ein besseres Gefühl für die räumliche Dimension der neuen Bahnhofshalle in der Schwabenmetropole vermitteln. Im Maßstab 1:20 wird bei Dörre in der Werkstatt gedacht. Nicht gerade ein übliches Verhältnis, da Präsentationsmodelle in der Regel im Maßstab 1:100 erstellt werden. „Aber auf diese Weise dient das Modell dem Büro Ingenhoven auch als letztmalige Überprüfung des Ganzen“, sagt Reinhard Dörre. Denn in diesem Maßstab ist im Grunde jedes Detail darstellbar. Also reicht Dörres Miniaturwerk nicht nur vom mächtigen Kelchfuß bis zum markanten Dach des neuen Stuttgarter Bahnhofsbaus. Dazwischen wird von den S-Bahn-Gleisen bis zu den Eingangskuppeln alles nachgebaut. Rolltreppen, Fahrstuhlseile, Lampen. Auf jede Kleinigkeit kommt es an. „Da werden selbst Betonfugen dargestellt“, sagt Reinhard Dörre.

Das ist der ambitionierte Anspruch – sowohl Ingenhovens als auch Dörres, der auf das bisher Geschaffene zeigt und ein Metermaß zur Hand nimmt, um sich zu vergewissern, welche Ausmaße seine Arbeit angenommen hat: Zwei Meter breit, 1,50 Meter hoch und 80 Zentimeter tief. Das Gewicht dürfte trotz Leichtbauweise 80 bis 100 Kilogramm betragen. Die Statik des Modells ist wie beim Original durchaus beachtlich. Rund 1.000 Tonnen schwer und bis zu 12 Meter hoch sind die Kelchstützen in natura, und bei einem Durchmesser von 32 Metern werden bis zu 350 Tonnen Stahl und 685 Kubikmeter Beton verbaut. Jede der Kelchstützen schließt mit einer Glaskuppel von 16 Meter Durchmesser ab.
 

Mit unterschiedlich gehärteten Kunststoffen hantiert dagegen Reinhard Dörre. „Die gesamte Last der Decke wird bei uns ebenfalls in einem Punkt aufgenommen“, sagt der Tüftler. Dieser ist zwar durch einen feinen Stahlstab verstärkt, doch in gewissen Momenten hat den Sohn eines Architekten schon die Sorge umgetrieben, ob seine Statik so funktioniert, wie er sich das erdacht hat. Doch die Musterkonstruktion hält, und mit jedem Handgriff geht es Detail für Detail weiter. CNC-Fräsen, Laserschneiden, 3D-Druck – die technische Weiterentwicklung hat es mit modernen Materialien ermöglicht, dass Reinhard Dörre aus der 3D-Datei, die man ihm mit allen Plänen und Maßen geschickt hat, ein kleines Kunstwerk schaffen konnte. 1.500 Arbeitsstunden wurden dazu veranschlagt. „Jedes Bauteil wird für sich gefertigt und am Ende muss alles zusammenpassen“, sagt der Düsseldorfer über sein Riesenpuzzle. In unregelmäßigen Abständen machte sich auch der Meister ein Bild von den Fortschritten des Modells. Christoph Ingenhoven hat gerne direkt vor Augen, wie seine formulierten Visionen mit seinen konkreten Vorstellungen in Einklang gebracht werden. Von poetischen lichtdurchfluteten Räumen, filigranen Betonkonstruktionen und gotischen Kathedralen hat der Architekt gesprochen, als der Prototyp seiner Kelchstütze erstmals betoniert wurde. Und mit dem Satz „Der Bahnhof soll ein Ort sein, an dem sich die Menschen gerne aufhalten“, hat Ingenhoven seine Grundidee erläutert, die über den Plänen des neuen Hauptbahnhofs schwebt.

Eleganz und Effizienz prägen Ingenhovens Stil und der Mann für das Besondere steht ebenso für eine nachhaltige und ökologische Bauweise. Sein Partner Reinhard Dörre, der seit 35 Jahren in der Branche tätig ist, hat sich auf einen naturgetreuen und filigranen Modellbau spezialisiert. Am Ende soll alles echt aussehen, auch die Farben und Oberflächen. Gleichmäßig weiß, glatt und porenfrei – so lautet die Vorgabe. Reinhard Dörre hat die Kelchstütze entsprechend lackiert. In der Realität ist die Umsetzung deutlich anspruchsvoller, da der Werkstoff auch noch feuerbeständig sein muss. Eine besondere Betonrezeptur braucht es dafür. Spezialisten im Labor haben diese entwickelt und Fachleute auf der Baustelle anschließend erprobt, seit Herbst ist die erste Kelchstütze im Stuttgarter Talkessel nun fertigbetoniert.

Gut 400 Kilometer entfernt stellt sich in den Räumen von Peters & Grau die zweite große Herausforderung ganz anders dar. „Mit Ausnahme der S-Bahn-Tunnel ist an dieser Konstruktion nichts wirklich rechtwinklig“, sagt Reinhard Dörre. Ein kühner Schwung charakterisiert das Bauwerk, nicht nur im übertragenen Sinne. Der Architektenplan sieht für die Bahnhofshalle eine luftige, helle Atmosphäre vor. Über Öffnungen im Dach, den sogenannten Lichtaugen, soll sich das Tageslicht über die Bahnsteighalle verteilen. Bei Nacht wiederum soll der weiße Sichtbeton des Schalendachs und der Kelchstützen die Bahnsteigbeleuchtung reflektieren. Das ist das architektonische Highlight des neuen Tiefbahnhofs – und gleichzeitig Ansporn für Reinhard Dörre. „Als Modellbauer muss man schon die gesamte Konstruktion verstehen“, sagt er über Ingenhovens Meisterwerk und hat dabei selbst buchstäblich neue Maßstäbe gesetzt.

 

 

„Ingenhoven hat eine sehr ambitionierte Form einer Stütze entworfen“

Michael Pradel verantwortet als Abschnittsleiter des Planfeststellungsabschnitts 1.1 das Herzstück von Stuttgart 21: den neuen Durchgangsbahnhof. Die Herausforderungen des Projekts nimmt der frühere Spitzenruderer dabei sportlich, wie sich am Beispiel des extrem komplexen Bereichs mit Sonderkelch im Bauabschnitt 11 zeigt.
 

Herr Pradel, auf der Stuttgart-21-Baustelle wird schon gewitzelt, dass Ihre Aufgabe einfacher geworden sei, da Sie seit kurzem ein detailgetreues Modell der neuen Bahnsteighalle vor der Nase stehen hätten – jetzt müssten Sie das Ganze nur noch in groß nachbauen lassen. Ist es tatsächlich einfacher geworden?
Michael Pradel: Das Modell stellt die einzigartige Situa-tion des Sonderkelchs auf der S-Bahn-Überbrückung dar, und ja, es hilft, sich diese komplexe Situation überhaupt vorstellen zu können. Der Bau selbst wird dadurch jedoch nicht einfacher.

Inwieweit motiviert Sie das außergewöhnliche Modell, das Reinhard Dörre für den Architekten Christoph lngenhoven gefertigt hat?
Michael Pradel: Das Modell wurde im Rahmen eines Nachtrags von der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH bei ingenhoven architects in Auftrag gegeben. Der Grund war, sich jetzt schon einen Eindruck und ein Bild von dem Bereich verschaffen zu können.

Was ist nun die große Herausforderung bei der Umsetzung des kleinen Bahnhofs in die Realität?
Michael Pradel: Christoph Ingenhoven hat eine sehr ambitionierte Form einer Stütze entworfen. Diese zu bauen stellt eine echte Herausforderung dar – im Kleinen bei Reinhard Dörre wie im Großen bei uns. Jedoch hatte Reinhard Dörre den Vorteil, das Modell an einem warmen und trockenen Arbeitsplatz bauen zu können.  

Was macht den betreffenden Bereich der Bahnsteig-halle mit diesem Sonderkelch aus der Sicht des Bauingenieurs so besonders?
Michael Pradel: Der Sonderkelch steht auf einer Brücke, die den bestehenden S-Bahn-Tunnel überspannt. Der Sonderkelch wirkt auf diese Brücke vergleichbar dem Gewicht von zehn übereinander- gestapelten ICE 4. Das ist an dieser Stelle eine Herausforderung für die Ingenieure.  

Wann wird das komplexe Modell auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein, damit diese sich ein eigenes Bild machen kann, wie der Stuttgarter Hauptbahnhof in Zukunft aussieht?
Michael Pradel: Wir sind noch auf der Suche nach einer Möglichkeit. Vorerst bleibt der Blick auf das Modell exklusiv den Besuchern des Baubüros neben dem Baufeld des künftigen Hauptbahnhofs vorbehalten.

Und wann wird dieser spezielle Kelch fertiggestellt sein?
Michael Pradel: Zum Bauablauf finden regelmäßig Abstimmungsgespräche mit allen beteiligten Planern und mit der Baufirma statt. Beim Sonderkelch gehen wir derzeit davon aus, dass er 2021 fertig ist.

 


Quelle:"Bezug - Das Projektmagazin | März 2019, Ausgabe 25"


(1) Baufortschritt Hauptbahnhof – S21 | 08.04.2019

zur Mediathek

(80) Kelchstützen | 21.03.2019

zur Mediathek

(1) Betonage der zweiten Kelchstütze | 09.03.2019

zur Mediathek

(1) Erste Kelchstütze im Rohbau fertig | 17.12.2018

zur Mediathek

(1) Beginn Ausschalung der erste Kelchstütze | 08.11.2018

zur Mediathek

(1) Betonage der ersten Kelchstütze | 27.06.2017

zur Mediathek


WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA

Ausgeschalte Kelchstütze

Erster Eindruck von der künftigen Bahnsteighalle

Erste im Rohbau fertiggestellte Kelchstütze für den künftigen Stuttgarter Hauptbahnhof. Die Hilfsstützen werden demontiert, sobald eine Verbindung zu den noch zu bauenden Nachbarkelchen hergestellt ist.

Stuttgart, 21.12.2018

Die DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH hat im Rahmen von Stuttgart 21 an der ersten Kelchstütze des künftigen Hauptbahnhofs die letzten Schalelemente demontiert.

weiterlesen

zurück