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Reportage: Masten markieren den Fortschritt

Albhochfläche - 800 Masten für die Oberleitung

Stuttgart, 05.08.2019

Rund 800 der über zwölf Meter hohen Träger, an denen später die Oberleitungen der neuen Zugtrasse hängen, müssen auf dem Abschnitt zwischen Merklingen und Ulm aufgestellt werden.

Die einstigen Bewohner des heimeligen Anwesens haben nichts hinterlassen, nicht die kleinste Feder schwebt leichtmütig durch die Luft. Stattdessen lagert in der großen Halle jede Menge schweres Baumaterial, das von Gabelstaplern sortiert wird. Betongraue Gewichte für die Radspanner an den Oberleitungen, stählerne Träger und andere Teile, die man braucht, um Züge zum Fahren zu bringen. „Von hier aus wird alles auf die Baustellen verteilt“, sagt Natalie Schweimer.

Die 27 Jahre alte Wirtschaftsingenieurin ist, wenn man so will, die Chefin vom Temmenhausener Hühnerhof. Auf der Suche nach einer geeigneten Unterkunft, die ausreichend Platz bietet und nahe am Baufeld liegt, hatte das Team im vergangenen Jahr den leerstehenden landwirtschaftlichen Betrieb gefunden, angemietet und eingerichtet. Wo früher gegackert wurde, sind heute die Büros und Besprechungsräume, in denen all das geplant und koordiniert wird, was es draußen auf der Albhochfläche und beim Albabstieg zu tun gibt. Seit Ende vorigen Jahres werden auf dem Abschnitt zwischen Merklingen und Ulm entlang der Trasse die langen Masten aufgestellt, an denen einmal die Oberleitung hängt, die den notwendigen Strom für die Züge liefert.
 

Knapp 820 solcher Masten müssen insgesamt in die bereits vorbereiteten Fundamente gestellt werden, was mit echter Handarbeit verbunden ist, wie die Projektleiterin erklärt. Zwischen anderthalb und zwei Tonnen wiegt jeder der schlanken Betonmasten, die etwa zwölf Meter lang sind und mittels Bagger und Greifarm in eingelassene Rohre gehievt werden. Dort müssen die Masten dann sorgfältig justiert und ausgerichtet werden, bevor sie verkeilt und einbetoniert werden können. Dabei ist es wichtig, dass die vorgegebene Einsetztiefe exakt eingehalten wird, damit die Ausleger später auf der richtigen Höhe hängen. Zudem unterscheiden sich die Masten in ihrer Ausführung je nach Standort. Schon wenn die Bauteile das Werk in Neumarkt in der Oberpfalz verlassen, sind sie für einen ganz bestimmten Standort entlang der Trasse vorgesehen. „Einen falschen Mast einzubauen, wäre mit viel Ärger und Aufwand verbunden“, sagt Natalie Schweimer.Bis zu 15 Oberleitungsmasten pflanzt die 20 Mann starke Montagetruppe in mehreren Arbeitsschritten am Tag, ein großer Teil der insgesamt 30 Kilometer langen Strecke ist bereits geschafft. Der raue Winter auf der Alb hatte die Arbeiten zuletzt etwas erschwert. „Das fängt schon damit an, dass man die Fundamente ausgraben und meterhoch Schnee wegschaufeln muss“, erzählt die Projektleiterin, die in Frankfurt lebt und an der Hochschule Darmstadt Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Maschinenbau studiert hat. Seit sie für das Bahninfrastrukturunternehmen Rail Power
Systems auf der Albhochfläche zusammen mit dem Team dafür sorgt, dass die Trasse zur Bahnstrecke ausgebaut wird, wohnt die gebürtige Hessin von Montag bis Freitag in einem Hotel in Temmenhausen, einem Ortsteil der Gemeinde Dornstadt im Alb-Donau-Kreis.
 

Rund 20 Millionen Euro sind für die Arbeiten in jenem Abschnitt der Neubaustrecke veranschlagt, der bereits am weitesten gediehen ist. Bereits im Dezember vergangenen Jahres hatte der zuständige Projektleiter Stefan Kielbassa die Planfeststellungsabschnitte 2.3 und 2.4, also die Bereiche Albhochfläche und Albabstieg, nach sieben Jahren Bautätigkeit im Rohbau termingerecht fertiggestellt und übergeben. Nun ist es an den Schienenlegern und den Experten von Rail Power Systems, eine funktionierende Bahnstrecke daraus zu machen. Bis Ende März sollen laut Natalie Schweimer sämtliche Masten aufgestellt sein, anschließend werden von einem anderen Unternehmen die rund 120 Meter langen Schienenstücke vor Ort verlegt, die bereits parallel angeliefert und entlang der Strecke gelagert wurden. Auch deshalb kommt es bei der täglichen Arbeit vor allem auf die ständige Koordination und auf gute Absprache an, damit sich die unterschiedlichen Trupps der Unternehmen nicht in die Quere kommen.  

Noch in diesem Frühjahr geht es ans Verlegen der Schienen, auf denen die Züge später mit bis zu 250 Stundenkilometer unterwegs sein werden. Der Untergrund der Hochgeschwindigkeitsstrecke besteht nicht aus dem üblichen Schotterbett, sondern aus einem massiven Betonfundament, das sich entlang der A8 zieht und dem Verlauf der Autobahn wie ein Schatten folgt. Sobald die Schienen liegen, kann dann das Kettenwerk gezogen werden, wie es in der Fachsprache heißt. Gemeint ist damit die Montage der Oberleitung, die am sogenannten Ausleger befestigt wird. Die notwendigen Anbauteile dafür werden wiederum am Masten montiert, bevor dieser aufgestellt wird. Damit der Fahrdraht später nicht zu sehr in Schwingung gerät, wenn die Bahnen mit Tempo 250 durchrauschen, muss er in regelmäßigen Abständen mit einem Gewicht von bis zu drei Tonnen auf Zug gehalten werden. 15.000 Volt beträgt die elektrische Spannung, die den Antrieb der Züge mit der nötigen Energie versorgen wird. Zum Vergleich: Eine normale Haushaltssteckdose liefert Wechselstrom mit einer Spannung von 230 Volt.
 

Bis die Fahrdrähte auf der Albhochfläche gezogen werden, wird derweil noch etwas Zeit vergehen. Bis dahin bleibt Natalie Schweimer Chefin im Hühnerhof, der sich als absoluter Glücksfall herausgestellt hat, so die gebürtige Hessin. „Wir hätten es nicht besser treffen können“, sagt sie. Um auf das Baufeld zu kommen, muss die Projektleiterin nur ein paar Meter über die Brücke fahren, die kurzen Wege und die Nähe zur Trasse sind ein enormer Vorteil, sagt sie. An den Kontrast zwischen der pulsierenden Bankenmetropole Frankfurt und dem beschaulichen Temmenhausen auf der Alb hat sich die Berufspendlerin zwischenzeitlich schon gewöhnt, auch an die mitunter rauen Bedingungen auf knapp 650 Metern Höhe. Sie ist regelmäßig auf der Strecke unterwegs, um den Überblick zu behalten und ein Gefühl für ihre Baustelle zu haben, wie sie sagt. Die meiste Zeit verbringt Natalie Schweimer aber im Büro, sitzt über Abrechnungen und plant die nächsten Schritte. „Es gibt jeden Tag viel zu besprechen und zu koordinieren“, sagt sie. „Und ich freue mich jeden Tag aufs Neue, Teil dieser Arbeit zu sein und etwas beizutragen.“ 
 

Quelle:"Bezug - Das Projektmagazin | März 2019, Ausgabe 25"

 

 

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